"Nichts ist ungerechter als die gleiche Behandlung von Ungleichen!"


Autor: Holger Fritz

Vor allem als Angebotsschule in großen Städten, wo sie sich neben Realschulen und Gymnasien zu behaupten hat, kann die Gesamtschule ihre Versprechen nicht einlösen, wie zahlreiche wissenschaftliche Studien, z.B. die TIMSS oder die BIJU-Studie, belegen. Die Botschaft dieser wissenschaftlichen Untersuchungen ist eindeutig: Schulen des gegliederten Systems arbeiten im Hinblick auf ihren Bildungsauftrag wie auch im Hinblick auf ihren Erziehungsauftrag sehr viel effektiver und zudem weitaus kostengünstiger. Befindet sich eine Gesamtschule zusätzlich im Aufbau, steht ein propagandistischen Zwecken dienender, medienwirksamer Aktionismus, eingebunden in ein völlig überfrachtetes Schulprogramm, einer sinnvollen Bildungs- und Erziehungsarbeit entgegen. Aber der muss sein, weil die Schule ja möglichst viele leistungsstärkere Schüler anlocken soll. Die bleiben trotzdem aus. So expandieren Gesamtschulen auf dem Rücken von Hauptschulen und stechen die Gymnasien lediglich durch ihre imposante Ausstattung aus.
An der Gesamtschule in großen Städten offenbart sich wie an keiner anderen Schulform eine frustrierende Diskrepanz zwischen deren hehren Zielen und zermürbender Alltagswirklichkeit. So kommt es, dass an der Zukunftsunfähigkeit der Gesamtschule viele Kolleginnen und Kollegen zunehmend verzweifeln.
Die folgenden Thesen sollen aufzeigen, wie gerade die Struktur der integrierten Gesamtschule die Verwirklichung ihrer propagierten Ziele verhindert. Sie stützen sich auf die genannten wissenschaftlichen Untersuchungen, auf Gespräche mit Kollegen aller Schulformen und vor allem auf meine Erfahrungen an einer Hauptschule in sozialem Brennpunkt und an zwei Gymnasien, an denen ich gearbeitet habe, bevor ich zur Gesamtschule kam.

1. In den undifferenzierten Lerngruppen haben die begabteren Schüler, soweit noch vorhanden, den Lernstoff schnell erfasst, während für die schwächeren Schüler der Lernstoff kleinschrittig über längere Zeit Unterrichtsgegenstand sein muss, damit diese nicht den Anschluss verlieren, was ein verantwortungsbewusster Lehrer nicht riskieren will. Die begabteren sind in Anbetracht des für sie leichten Stoffes gelangweilt und frustriert, „weil es nicht weiter geht." Ihr Potential, ihr Lernwille und ihre Lernzeit (!) bleiben ungenutzt. Viele Lehrer ignorieren sogar in einer sich für die schwächeren Schüler aufopfernden Weise das Anrecht der begabteren Schüler auf einen ihnen entsprechenden Unterricht. Da aber die begabteren Schüler in den verlängerten Lernphasen nicht nichts tun können, fangen sie aus Langeweile an zu stören, sind albern, quatschen und müssen z.T. wie stark verhaltensauffällige Schüler diszipliniert werden. Nebenbei machen sie die fatale Feststellung, dass sie mit sehr wenig Mühe zu guten Noten kommen können - eine meiner bedrückendsten Erfahrungen!

2. Die schwächeren Schüler, die sich durchweg bereits nach der vierten Stunde nicht mehr konzentrieren können (obwohl sie bis zur neunten durchhalten müssen) und die zu Hause oft einem unkontrollierten Medienkonsum ausgesetzt sind, leiden in nahezu jeder Stunde unter der offenkundigen Überlegenheit der "schnelleren, klügeren und wortgewandteren Schüler." Da aber die schwächeren Schüler an der Gesamtschule meist in der Mehrheit sind und oft die vital stärkere Fraktion darstellen, halten sie - wie ich immer wieder beobachten konnte - die Tüchtigeren zurück, damit diese "die Preise nicht verderben." Selbst die Kultusbehörde gibt mittlerweile zu, dass die Hoffnung, die Stärkeren könnten die Schwächeren nachziehen, sich als Illusion erwiesen hat. Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien könnten diese Schüler viel besser fordern und fördern, da hier die Klassen weitaus homogener sind. An der Gesamtschule hingegen kommt es zu einer Nivellierung auf einem niedrigen Niveau. (Das eine wie das andere ist ja auch inzwischen durch die BIJU-Studie bewiesen worden.)

3. Haben die Klassenlehrer es am Ende des sechsten Jahrgangs geschafft, eine gute Arbeitsatmosphäre und eine tragfähige Klassengemeinschaft zu schaffen, so lösen sich die bisher eingeübten Regeln mitsamt der Klassengemeinschaft dann im Chaos von Fachleistungs- und Wahldifferenzierung größtenteils wieder auf. Das Einhalten von an sich selbstverständlichen Absprachen, Regeln und Ritualen ist systembedingt wegen der nun eintretenden Verhältnisse nicht mehr zu gewährleisten. In den neuen Kursen müssen sich alle Schüler ihre zuvor in den Klassen gesicherten Rollen und Rangplätze wieder neu erkämpfen. Die Schüler, die im G-Kurs gelandet sind, fühlen sich oft als die Verlierer des Systems. Wenn einem Klassenlehrer der E-Kurs zugewiesen wurde, fühlen sich die G-Kurs-Kinder häufig von ihm verstoßen. Aggressionen gegenüber Mitschülern und Lehrern und Disziplinprobleme aller Art bestimmen den Ablauf des Tages. Der Klassenlehrer hat durch das komplizierte Kurssystem, wegen der vielen Lehrer, die nun "seine" Kinder unterrichten, und wegen der Tatsache, dass er seine Klasse nur selten in ihrer Gesamtheit zu sehen bekommt, kaum noch Möglichkeiten, dem schulischen Erziehungsauftrag nachzukommen. Hat der Lehrer beispielsweise mit einer Gruppe von nur drei Schülern Probleme, müsste er sie schon mit ca. 15 Lehrern besprechen. Da solche Gespräche äußerst aufwendig sind, meist am selben Tag geführt werden müssen und im anonymen System Gesamtschule oft keinen nachhaltigen Erfolg haben, werden viele Lehrer gar nicht erst aktiv. Außerdem blockieren die vielen Gebäude, Lehrerzimmer und Fachräume und die langen Wege die Kommunikation im Riesensystem Gesamtschule. Soziales Lernen, die versprochene individuelle Förderung und die Entwicklung wichtiger Kompetenzen bleiben systembedingt auf der Strecke. Auf allen (Werbe-) Veranstaltungen der Gesamtschule und in all ihren Veröffentlichungen werden diese großartigen Ziele jedoch nach wie vor in besonderem Maße und mit Stolz als bereits realisierte Errungenschaften verkündet. Dem Teilnehmer solcher Veranstaltungen drängt sich die Moral aus Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ auf: "Er hat ja nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk. Und den Kaiser schauderte es, denn er fand, sie hätten recht, aber er dachte nun:" Jetzt muss ich die Prozession durchhalten." Und dann hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen hintendrein und trugen die Schleppe, die gar nicht da war."

4. Im Laufe ihrer Gesamtschul-Karriere durchlaufen die Schüler im integrativen System immer neue Gruppierungen in immer neuen Zusammenstellungen, die daher immer anonymer werden. So wird den Schülern, die ja zu einem hohen Anteil aus sozial benachteiligten Milieus stammen, das daheim entbehrte Gefühl des Angenommenseins bzw. der Geborgenheit, aber auch die Erfahrung von Korrekturen sogar in der Schule noch vorenthalten. Die Praxis zeigt: Zahlreiche Schüler retten sich daher in Cliquen, die nur zu oft in Opposition zu den in der Schule vermittelten Werten stehen. Es kommt daher an der anspruchsvollsten aller Schulformen, der Gesamtschule, am häufigsten zu Aggressivität, Mobbing und Verwahrlosung. Kolleginnen und Kollegen berichten, dass sie sehr viel Zeit mit Streit-Schlichten verbringen müssen. Schüler erzählen mir stolz, wie sie den Kollegen X "wieder mal fertig gemacht" haben. Es kommt sogar vor, dass sich Freunde zur selben Zeit aus verschiedenen Kursen vom Lehrer "rausschmeißen" lassen, um sich während des Unterrichts im Schulgebäude treffen zu können.

5. Jenseits aller früheren Träume von der Drittel-Parität fehlen der Gesamtschule infolge des sogenannten Creaming-Effektes zunehmend begabtere Schüler. Deren Eltern haben erkannt, dass ihre Kinder am Gymnasium oder an der Realschule erheblich besser gefördert werden können, wie die BIJU-Studie ja auch gezeigt hat. So verkommen die vom Creaming-Effekt betroffenen Gesamtschulen zur "Mogelpackung". Sie werden mehr und mehr zu extrem kosten-intensiven und viel zu kompliziert organisierten Hauptschulen in Ganztagsform.


Dass die Gesamtschule überhaupt noch existiert, führe ich vor allem auf ihren Ganztagsbetrieb zurück. Der ist bekanntlich für viele berufstätige Eltern der ausschlaggebende Grund, ihr Kind auf eine Gesamtschule zu schicken. Einer der anderen Gründe ist vermutlich der unermüdliche Einsatz vieler hochmotivierter KollegInnen, die auch noch in ihrer Freizeit im Interesse der ihnen anvertrauten Kinder die Probleme der Schüler durch persönliche unbezahlte Mehrarbeit zu bewältigen versuchen. Der hohe Krankenstand an Gesamtschulen zeigt jedoch, dass der Versuch einer Quadratur des pädagogischen Kreises nicht mehr lange zu verkraften ist. Hinzu kommt die organisierte Zeitverschwendung: Teamsitzungen, Konferenzen jeglicher Art, schulinterne Fortbildungen, Projekte, Aktionen und Aktionismen etc. Und was die Schülerinnen und Schüler angeht, so erreichen zwar viele die vorgesehenen Abschlüsse, haben aber dann große Probleme bei Bewerbungen und bei der weiteren Fortbildung (Auch das wurde mir immer wieder bestätigt.). Ursachen sind - wie das Projekt BIJU zeigt - der niedrigere Fördereffekt der Gesamtschulen und entsprechende Defizite. So wird das Scheitern von Lebensplänen vorprogrammiert, einschließlich der entsprechenden psychischen Folgekosten.