| Landtag Mecklenburg-Vorpommern 27.02.02
Ausschuss für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Öffentliche Anhörung zu den Drucksachen 3/2458 und 3/2123
Der Arbeitskreis Gesamtschule e.V.,
für den ich hier spreche, existiert seit 1994. Seine Mitglieder sind in
der Mehrzahl Lehrerinnen und Lehrer, die an Gesamtschulen unterrichten
oder dort unterrichtet haben. Daher glauben wir, eine gewisse kritische
Kompetenz zu besitzen, was die Beurteilung der geplanten,
gesamtschul-ähnlichen, integrativen Organisationsform des Unterrichtes
angeht. Denn die geplante Regionalschule hat zweifellos große
Ähnlichkeit mit der integrierten Gesamtschule. Ich nenne nur drei
Merkmale:
1. Die schulformen-übergreifende Orientierungsstufe
2. Die erst mit dem 7. Jahrgang einsetzende individuelle Förderung durch
Fachleistungskurse
3. Der Glaube daran, dass auch für deutsche Verhältnisse der Unterricht
in heterogenen, leistungsgemischten Lerngruppen die bessere Lösung
sei.Im Unterschied zur 1969 konzipierten integrierten
Gesamtschule ersetzt die Regionalschule aber nicht alle drei
Schulformen. Sie ist für Schüler konzipiert, die sonst Realschulen oder
Hauptschulen besuchen würden.
Nun zu
unserer Beurteilung der genannten drei Merkmale:
1. Unser Vorbehalt gegenüber der Orientierungsstufe
In der Orientierungsstufe erfolgt der Unterricht in
leistungsgemischten, undifferenzierten Lerngruppen. Unser Vorbehalt
gegenüber dieser Art des Unterrichts ist erwachsen aus unserer
praktischen Erfahrung, die bestätigt wird durch die Ergebnisse der
Bildungsforschung.
Im Februar 2002 stießen wir auf ein von Professor Roeder erstelltes
Gutachten (mit Briefkopf des Institutes!), in dem er 1995 dringend von
der Einführung der Orientierungsstufe in Sachsen-Anhalt abrät. Professor
Roeder war als Vorgänger von Professor Baumert 1973 bis 1995 Direktor am
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin (MPIB) und zuständig
für den „Forschungsbereich Schule und Unterricht“. Er beruft sich in
seinem Gutachten zunächst auf eine vom MPIB an fünf Berliner
Gesamtschulen durchgeführte Untersuchung über Probleme der
Binnendifferenzierung. (Binnendifferenzierung ist der Versuch, die
Unterschiede von Lerntempo und Auffassungsvermögen schon innerhalb der
Klasse durch gestaffelte Anforderungen zu bewältigen.) Der Unterricht in
leistungsgemischten Lerngruppen steht und fällt mit dem Gelingen von
Binnendifferenzierung.
Fazit der Untersuchungen: Durch
Binnendifferenzierung sind die Probleme von leistungsgemischten
Lerngruppen nicht zu bewältigen. Sie „taugt nicht als Alternative“ zur
äußeren Differenzierung in Kursen oder Klassen.
Daher laufe die Orientierungsstufe lediglich auf eine Verlängerung der
Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre hinaus. Das aber führe zu
„beträchtlichen“ Nachteilen bei den leistungsstärkeren Schülern. Roeder
beruft sich hier auf eine andere MPIB-Studie und deren von ihm 1991
veröffentlichten Ergebnisse. Bei dieser Studie wurde in allen Ländern
der alten Bundesrepublik einschließlich Westberlin der Leistungsstand
von Gymnasiasten am Anfang des 7. Jahrgangs untersucht.
Ergebnis: Bei Berliner und Bremer Gymnasiasten, die erst nach sechs
Jahren Grundschule aufs Gymnasium gekommen waren, wurden gegenüber den
Gymnasiasten anderer Bundesländer, die zu diesem Zeitpunkt nach vier
Jahren Grundschule schon seit zwei Jahren das Gymnasium besuchten, in
Englisch und Mathematik „beträchtliche Leistungsunterschiede“
festgestellt. Diese Leistungsunterschiede waren am Ende des 7.
Schuljahres „nur teilweise ausgeglichen“. Nach neueren Informationen
entsprachen sie einem Wissenrückstand von etwa anderthalb Schuljahren.
Was hier bezüglich der Gymnasiasten herausgefunden wurde, gilt ähnlich
auch für Realschüler. Leistungsstärkere Schüler der geplanten
Regionalschule würden also durch die Orientierungsstufe am Anfang des 7.
Jahrgangs ebenfalls „beträchtliche“ Nachteile haben gegenüber Schülern,
welche schon ab Anfang des 5. Jahrgangs Realschulen besuchen. (Eine auf
Realschulen spezialisierte Untersuchung dieser Art existiert unseres
Wissens bisher nicht!)
Roeders Schlusssatz zu jenem Gutachten, in dem er 1995 mit den genannten
Gründen von der Einführung der Orientierungsstufe abrät: „Die unter den
gegebenen Bedingungen (...) problematischste Organisationsform
gesetzlich zur einzig möglichen zu erklären, dürfte Frustration und
Scheitern vorprogrammieren.“
2. Zum Fördereffekt der
Fachleistungsdifferenzierung:
Die alarmierende PISA-Studie ist lediglich eine Moment-Aufnahme. Sie
beschreibt den Leistungsstand am Tage der Befragung. Im Gegensatz dazu
ist das 1991 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) Berlin
mit etwa 9000 Schülern gestartete Forschungsprojekt BIJU
(„Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter“) die
bisher einzige sowohl Schulformen wie auch Bundesländer übergreifende
Langzeit-Studie in Deutschland. Beteiligt waren Nordrhein-Westfalen,
Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
PISA und BIJU enthalten Angaben zum familiären Hintergrund der Schüler
und insofern zu der dort möglichen Unterstützung schulischen Lernens.
Wie für die BIJU-Studie gibt es auch im Rahmen der PISA-Studie
Informationen über die Begabung der Schüler, benannt als „kognitive
Grundfähigkeit“, gemessen „mit verbalen und figuralen Subtests“ (PISA
2000, Leske+Budrich, S.128). Diese Daten wurden lediglich im Hinblick
auf die erreichten Kompetenzen ausgewertet (S.131 und S. 185) und nicht
wie in der BIJU-Studie für generelle Schulform-Vergleiche (vgl.
„Pädagogik“, 6/98. S.17).
Nur im Rahmen der BIJU-Studie sind bisher Aussagen darüber gemacht
worden, wie unterschiedlich sich Schüler, welche „die gleichen
intellektuellen und sozialen Eingangsbedingungen“ haben, an den
verschiedenen Schulformen entwickeln.
Veröffentlicht wurden bisher lediglich BIJU-Befunde aus NRW. Eine von
uns erst vor kurzem angestellte Auswertung ergab: In NRW haben
Realschüler gegenüber gleich begabten und aus ähnlichen Verhältnissen
stammenden Gesamtschülern am Ende des 10. Jahrgangs in Englisch,
Mathematik und Physik „einen Wissensvorsprung“ von mehr als zwei
Schuljahren. (Diese Auswertung wurde auf Anfrage eines Journalisten vom
MPIB bestätigt. Das MPIB spricht in diesen Zusammenhängen von
„Schulformen als unterschiedlichen Entwicklungsmilieus“.) Trotz der
Fachleistungsdifferenzierung werden also leistungsstärkere Schüler an
Gesamtschulen nicht ihren Möglichkeiten entsprechend gefordert und
gefördert. Das gilt ganz sicher entsprechend auch für die
leistungsstärkeren Schüler der geplanten Regionalschulen.
Fazit: Die Einführung der Regionalschule würde zu einer flächendeckenden
Vernachlässigung leistungsstärkerer Schüler führen. Kein Bundesland kann
sich das erlauben.
3. Die Nachteile von leistungsgemischten Gruppen
Der Unterricht in leistungsgemischten, undifferenzierten Lerngruppen ist
schwierig. Es kommt dabei viel Unruhe in die Klassen. Viel Zeit wird auf
Mahnen und Ermahnen verwendet. Binnendifferenzierung ist kaum möglich.
Dazu ein Zitat aus Roeders Gutachten: „Weiterhin wurden
Disziplin-Probleme recht häufig genannt, die komplexe
Organisationsformen kaum zuließen.“ Jene Hoffnung, dass die Stärkeren
die Schwächeren mitziehen würden, erfüllt sich ebenfalls nicht.
Allenthalben ereignet sich eine Nivellierung auf niederem Niveau. Das
gilt für das fachliche Lernen ebenso wie für das soziale Lernen. Denn
die Fachleistungsdifferenzierung zersplittert die Klassenverbände in der
Hälfte der Wochenstunden zu Lerngruppen mit immer anderer
Zusammensetzung. Das erschwert die pädagogische Begleitung der Kinder.
Sehr beunruhigende Beobachtungen bestätigen zumindest für NRW die Folgen
dieser Auflösung des Klassenverbandes: An NRW-Gesamtschulen liegen die
Werte für egoistisches Verhalten, für „Devianz“ (z.B. Verspätungen und
Schuleschwänzen) und „Delinquenz“ (Gewalttätigkeiten) sowie für
Ablehnung von Migranten oder „Intoleranz gegenüber Asylbewerbern“
deutlich über den Werten der Schulen des gegliederten Systems
(Baumert/Köller in Pädagogik 6/98, S.18. Der Aufsatz fiel ins Sommerloch
und fand nicht die gebührende Beachtung!).
Ausführlichere Darstellungen dieser Befunde gibt es noch nicht. Ebenso
fehlen aktuelle Untersuchungen zu der Frage, wie lernschwache Kinder
ihre Situation in leistungsgemischten Lerngruppen erleben. Täglich
erfahren diese Kinder, dass andere besser, schneller und erfolgreicher
sind. Täglich erfahren sie ihre Segregation, wenn sich die Wege zu den
Leistungskursen an der Klassentüre trennen. In den homogeneren
Lerngruppen von Hauptschulen blieben ihnen diese Erfahrungen erspart.
Sie können dort sogar relativ erfolgreich sein. Das Projekt BIJU ergibt
für NRW, dass das Selbstwertgefühl von leistungsschwächeren
Gesamtschülern bis zum Ende des zehnten Jahrgangs noch unter das
Selbstwertgefühl von Hauptschülern sinkt! Die Verdrängung dieses schon
früh erkannten Problems ist der eigentliche Skandal der deutschen
Gesamtschulbewegung.
Was in den letzten Jahrzehnten in diversen Bundesländern praktiziert
wurde, hatte offensichtlich Methode: Durch die Freigabe des
Elternwillens wurden auf Kosten der Hauptschule eingespielte
Schullandschaften ruiniert – und „Integrativer Reform-Bedarf“
produziert. In Bayern ist der Versuch, die Qualität des Unterrichtes
durch integrative Organisationsformen zu steigern, bereits vor längerer
Zeit aufgrund von negativen Erfahrungen aufgegeben worden. Soviel ist
jedoch schon bekannt:
Die bayrischen Hauptschulen erreichen das Niveau der NRW-Realschulen.
Somit hat sich am bayrischen Beispiel gezeigt: Innerhalb der
soziokulturellen Rahmenbedingungen der BRD ist der Unterricht in den
homogeneren Lerngruppen des gegliederten Schulwesens sehr wohl im
Stande, auch lernschwächere Schüler mit erstaunlichem Erfolg zu fördern.
Eine Frage zum Schluss: Warum wird angesichts so vieler kritischer
Befunde nicht zunächst ein wissenschaftlich begleiteter Probelauf mit
einer begrenzten Zahl von Versuchs-Regionalschulen durchgeführt?
Wenn das nicht geschieht, trifft auch für Mecklenburg-Vorpommern der
Vorwurf zu, den wir bereits 1997 formuliert haben: </p>
„Es laufen hierzulande Großversuche mit Schutzbefohlenen – ohne
ausreichende wissenschaftliche Grundlagen und ohne ausreichende
wissenschaftliche Kontrolle.“
Damit nun aber keine Missverständnisse aufkommen:
Das gegliederte Schulwesen ist ganz sicher nicht die optimale Lösung,
aber es ist eindeutig das kleinere Übel.
Ulrich Sprenger, Arbeitskreis Gesamtschule e.V.,
45657 Recklinghausen, Am Lohtor 11
Anlagen:
Professor Dr. Roeders Gutachten von 1995
Professor Dr. Roeders Aufsatz von 1991
Meine Zusammenfassung von BIJU-Befunden
Eine ausführlichere Darstellung meiner Zusammenfassung von BIJU-Befunden
ist in dem von Professor Dr. T. Hansel herausgegebenen Sammelband
„Schulprofil und Schulqualität“, Centaurus-Verlag 2001, S. 175 – 195,
enthalten.
Weitere Informationen unter
www.ak-gesamtschule.de
Hintergrund-Information
Der Arbeitskreis Gesamtschule e. V. besteht seit 1994. Seine Mitglieder
sind in der Mehrzahl Lehrerinnen und Lehrer, die an Gesamtschulen
unterrichten oder unterrichtet haben. Aufgrund ihrer praktischen
Erfahrungen und gestützt auf Ergebnisse der Bildungsforschung betrachten
sie die Gesamtschule unter den in Deutschland gegebenen Bedingungen nach
wie vor als „ein nicht zu haltendes Versprechen“ und als „eine
pädagogische Fehlkonstruktion“. Sie hat sich in Deutschland auch nach 30
Jahren trotz aller Begünstigungen und trotz aller Nachbesserungen nicht
als „die pädagogisch und volkswirtschaftlich effektivere
Organisationsform von Schule“ erwiesen, als die sie 1969 vom Deutschen
Bildungsrat empfohlen worden ist.
Der Arbeitskreis Gesamtschule e.V. strebt keineswegs – wie gerne
unterstellt wird - die Abschaffung der integrierten Gesamtschulen an,
sondern empfiehlt als Ausweg ihre Umwandlung in additive Gesamtschulen.
Denn nur so werden die deutschen Gesamtschulen auch für die Eltern von
leistungsstärkeren Schülern zu einem interessanten Angebot. In Hessen
ist diese Umwandlung an mindestens sechs integrierten Gesamtschulen mit
Konferenzmehrheit bereits beschlossen und vollzogen worden. Diese
Schulen beginnen dann schon im 5. Jahrgang – bei hoher
Querdurchlässigkeit - mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialklassen,
zur Zufriedenheit von Schülern, Eltern und Lehrern.
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