Kinder mit Lernproblemen

 

Wie Kinder mit Lernproblemen die integrierte Gesamtschule erleben
Autor: Ulrich Sprenger, Recklinghausen / Juni 1997

So lautete der Untertitel eines Aufsatzes von Ulrich Steffens mit den Ergebnissen vieler Schülerbefragungen im 9. und 10. Jahrgang integrierter Gesamtschulen, veröffentlicht in "Die Deutsche Schule", einer Vierteljahres-Zeitschrift der GEW. Hier einige Äußerungen von Schülerinnen, die unter dem Namen Michaela und Sabine vorgestellt wurden: "Da hatte man sich gerade einigermaßen an die neuen Klassenkameraden gewöhnt, und da wurde man schon zertrennt und in Kurse aufgeteilt." - "So war ich halt da unten mal wieder ganz alleine." - "Da habe ich mich geschämt, dahin zu gehen." - "Da kommt man sich so blöd und abgeschoben vor." - "Das war mir so peinlich, wenn mich da wer reingehen sah." (in den Raum für Förder-Kurse!) - Immer wieder wurde das Erlebnis beschrieben, "abgestempelt zu sein". (DDS 2/84, S.141f.)
Ulrich Steffens schlug vor, einmal einzelne Gesamtschüler der höheren Jahrgänge durch die Stationen ihres Stundenplanes zu begleiten. "Ein Schulamtsdirektor, der... einen bestimmten Schüler drei Tage lang begleitet hat, war danach deutlich betroffen und erschrocken über das, was einem Schüler täglich widerfährt." (S.154)
Tag für Tag erfahren lernschwächere Kinder an integrierten Gesamtschulen sowohl im Kern-Unterricht, wenn sie immer wieder die leichteren Aufgaben bekommen, wie auch an der Klassentüre, wenn sich die Wege zu den Kursen trennen, dass andere besser, lern-schneller und erfolgreicher sind.
Dazu Helmut Fend schon 1982 - mit unerwarteten Perspektiven: "Wir können hier von einem Forschungsergebnis ausgehen, das eines der wichtigsten unserer ersten Gesamtschuluntersuchung (DFG-Studie 1973) war, der überraschende Sachverhalt nämlich, dass die Lage der Gesamtschüler in niedrigen Leistungskursen, was das subjektive Wohlbefinden und auch die Selbsteinschätzung angeht, ungünstiger war als die Situation der Hauptschüler." - "Die Frage... bleibt bestehen, ob das gegliederte Schulsystem durch die Zuweisung der Schüler zu verschiedenen Schulformen nicht
bessere Möglichkeiten bietet, jeder Leistungsgruppe eine 'soziale Beheimatung' zu ermöglichen." (Helmut Fend, "Gesamtschule im Vergleich/ Bilanz der Ergebnisse des Gesamtschulversuchs", 1982, S.337/338)
Schon 1977 waren Helmut Fend und Werner Specht in ihrer sehr gründlichen Untersuchung "Zur Lage der leistungsschwächeren Schüler in unterschiedlichen Schulsystemen" zu folgenden Ergebnissen gekommen: "Die Gruppe der leistungsschwächeren Schüler gerät an Gesamtschulen in eine psychisch schwierige Lage, weil ihnen ihre faktische, ungünstige Stellung in der schulischen Statushierarchie tagtäglich von neuem vor Augen geführt wird, während im Vergleich dazu Hauptschüler innerhalb des traditionellen Schulsystems die Möglichkeit haben, im Vergleich zu ihren Mitschülern relativ erfolgreich zu sein... An dieser Stelle müssen wir uns fragen, ob wir nicht bereits aufgrund der bisherigen Ergebnisse die Hoffnung als gescheitert betrachten müssen, die sich an ein integriertes Schulsystem als Lösungsmöglichkeit für die brennenden Probleme der Hauptschule geknüpft haben. Angesichts des Anspruchs der Humanisierung der Schule, mit dem die Gesamtschulbewegung stets aufgetreten ist, muss die Tatsache besonders enttäuschen, dass offenbar gerade diejenige Schülergruppe am wenigsten von der neuen Schulstruktur profitiert, die dieser Humanisierung am meisten bedarf und die eigentlich auch als Hauptzielgruppe der organisatorischen und curricularen Innovationen gedacht war, nämlich jene der schwächeren und sozial benachteiligten Schüler, denen man im Rahmen einer integrierten Organisationsform besondere Fördermaßnahmen angedeihen lassen wollte. Beunruhigend erscheint vor allem, dass die relativ ungünstige Lage der schwächeren Schüler an Gesamtschulen, wie sich in den o. a. Daten zeigt, offenbar keine historische Zufälligkeit darstellt, sondern im wesentlichen als Folge des Strukturmerkmals der Integration gesehen werden muss, was die Erfolgsaussichten kompensierender Maßnahmen verständlicherweise verringert." (Hauptschule, 1977, S.40)
Der Vorwurf, die integrierte Gesamtschule sei wegen ihrer einander ausschließenden Zielsetzungen „eine pädagogische Fehlkonstruktion“, wurde erstmals 1974, und zwar von Werner S. Nicklis, erhoben.
Professor Klaus Hurrelmann veröffentlichte 1988 in der "Zeitschrift für Pädagogik" nach einer Untersuchung an 1717 Schülerinnen und Schülern einen Aufsatz über "Die psycho-sozialen 'Kosten' verunsicherter Statuserwartungen im Jugendalter". Der Aufsatz enthält eine Tabelle über das Auftreten von psychosomatischen Störungen bei dreizehn- bis sechzehnjährigen Schülerinnen und Schülern. Diese Tabelle vermerkt bei Hauptschülern "unterdurchschnittlich wenige Symptome", bei Gesamtschülern aber mit 69% "überdurchschnittlich viele Symptome". - "Wie die Tabelle zeigt, gilt der Zusammenhang zwischen Versagenserlebnissen und psychosomatischen Symptomen für Schüler aller Schulformen. Zugleich sind schulformspezifische Unterschiede erkennbar, die nicht leicht zu interpretieren sind. So geben Schüler mit Versagenserlebnissen, die Gesamtschulen besuchen, die relativ höchste Anzahl von psychosomatischen Beschwerden an, während dieser Anteil bei der entsprechenden Schülergruppe aus Hauptschulen am geringsten ist.
In Anlehnung an die schulformvergleichenden Untersuchungen von Fend (1982, S.337) können wir die hohe Symptomhäufigkeit von versagenden Gesamtschülern als ein Indiz für verunsicherte Bezugsgruppenorientierungen dieser Schüler werten, als Ausdruck oder Ergebnis des Gefühls, der schlechtere Schüler zu sein im Vergleich zu den übrigen Leistungsgruppen, die ja in voller Breite an der Gesamtschule vertreten sind. Zusätzlich können wir annehmen, daß das lange Offenhalten von Schulabschlußoptionen, das für Gesamtschulen charakteristisch ist, die versagenden Schüler an diesem Schultyp stark irritiert; tatsächlich sind die in Tabelle 6 ausgewiesenen Anteile der Unsicheren an Gesamtschulen ja auch überdurchschnittlich hoch. Hier könnte ein Hinweis darauf liegen, dass offene Bildungsgänge mit relativ geringen 'formalen Kanalisierungswirkungen' spezifische Unsicherheiten und psychosoziale Irritationen hervorrufen.
Dass bei versagenden Schülern an Hauptschulen diese Zusammenhänge anders ausgeprägt sind, ließe sich ebenfalls auf dieser Linie interpretieren: Hauptschüler orientieren sich typischerweise nur an der Schülerpopulation ihrer eigenen Schulform und vermeiden Vergleiche mit (leistungsstärkeren) Schülern an anderen Schulformen. Dadurch sind die Bezugsgruppeneffekte für sie weniger breit als für Gesamtschüler, was die psychische Belastung reduziert." (S.25)
Bezüglich dieser Problematik erweist es sich als beklagenswert, dass Hauptschulen, Hauptschüler und potentielle Hauptschüler unter den für sie zuständigen Lehrerverbänden keine engagierte Interessenvertretung haben, weil die GEW die Gesamtschule und der VBE das Zwei-Säulen-Modell favorisiert.
Im Bildungsbericht des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung vom Juli 1994 (S.541) ist zu lesen: "In den vorliegenden empirischen Untersuchungen finden sich Hinweise, dass die leistungsschwächeren Gesamtschüler stärker belastet sind als ihre Schulkameraden mit vergleichbarem Leistungsstatus an gegliederten Schulen. Dies ist besonders in Vergleichen von Schülern des unteren Leistungskurses mit Hauptschülern deutlich geworden."

In einer Studie desselben Instituts von 1996 über "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter" wird (S.24) bestätigt, dass die Hauptschule schwächeren Schülern "günstigere Selbsteinschätzungen ermöglicht". In den vier Jahren vom Anfang des 7. bis zum Ende des 10. Jahrgangs steigt nach Ausweis der Abbildung 11 auf Seite 23 das Selbstwertgefühl der (ohnehin hoch startenden) Gymnasiasten um etwa 7 Testwerte, das der Gesamtschüler um etwa 11 Testwerte und das der Hauptschüler sogar um etwa 21 Testwerte. Bei Hauptschülern steigt also das Selbstwertgefühl etwa doppelt so schnell wie bei Gesamtschülern und dreimal so schnell wie bei Gymnasiasten. Das Selbstwertgefühl von Geamtschülern hingegen sinkt bis zum Ende der Schulzeit unter das von Haupt- und Realschülern. Anfang des 7. Jahrgangs lag es noch knapp über dem von Realschülern und etwa sieben Testwerte über dem von Hauptschülern. „Diese generelle Abnahme spricht u. E. dafür, dass die in der Regel fähigkeitsangemessene Platzierung im drei- bzw. viergliedrigen Schulsystem gerade auf Seiten schwächerer Schüler (der Hauptschule) Gewinne haben kann, da die eigene Stellung in der sozialen Vergleichsgruppe günstigere Selbsteinschätzungen ermöglicht.“ (S. 23 f.)
Es müsste in diesem Zusammenhang untersucht werden, wie es sich an vom Creaming-Effekt ausgelaugten Gesamtschulen auf die lernschwächeren Schüler auswirkt, wenn ihnen sinnloser weise die Strapazen der Fachleistungsdifferenzierung zugemutet werden.
Auch in den inzwischen veröffentlichten Befunden der TIMSS finden sich zur Problematik leistungsschwächerer Schüler unter der Überschrift "Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten" einige wichtige Feststellungen: "Im Hinblick auf die Entwicklung des Selbstkonzeptes der Befähigung scheint die Hauptschule nicht stigmatisierend, sondern als selbstwertschützende Nische zu wirken, die für leistungsschwächere Schüler einen angemessenen und in sich geschlossenen Bezugsrahmen zur Verfügung stellt... Der Hauptschule fällt... eine selbstwertschützende Funktion zu." (Jürgen Baumert, Rainer Lehmann u. a.: TIMSS, 1997, S. 171 und 175)
Darüber, welche Folgekosten die demoralisierenden Schullaufbahnen und die minimalen Lernzuwächse der lernschwächeren Schülerinnen und Schüler von integrierten Gesamtschulen für unsere Volkswirtschaft haben, ist meines Wissens noch nirgendwo öffentlich nachgedacht, geschweige denn wissenschaftlich nachgeforscht worden.
Die Ergebnisse der hier genannten Untersuchungen zur Lage von leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern an integrierten Gesamtschulen bestätigen jene Befürchtungen, die schon 1969 in den "Empfehlungen der Bildungskommission" des deutschen Bildungsrates zur "Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen" als "Einwände" (S.29) festgehalten wurden: "Es bestehen Bedenken, dass den lernschwachen Schülern ein Schonraum entzogen würde und sie Konflikten und Belastungen ausgesetzt werden, die ständige Misserfolgserlebnisse zur Folge haben und frühzeitige Resignation erzeugen."
Dass man sich damals über Bedenken hinwegsetzte, ist verzeihlich. Aber dass man heute Untersuchungs-Ergebnisse nicht zur Kenntnis nehmen will, ist unverzeihlich.
Im August 1994 hatte die "neue deutsche schule", eine Zeitschrift der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft", meinen Erfahrungsbericht "Vier Thesen zum Thema Gesamtschule" veröffentlicht. Anschließend erarbeitete ich eine Zusammenstellung von gesamtschulkritischer wissenschaftlicher Literatur, die unter dem Titel "Sieben weitere Thesen zum Thema Gesamtschule" im Januar 1995 der Presse übergeben wurde. Die Kurzfassung der 11. These lautete: "Gerade die lernschwächeren Schülerinnen und Schüler, für deren Förderung die Gesamtschule besondere Sorge tragen sollte, kommen in dieser Institution am allerwenigsten zurecht. Auch sie können hier nicht ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprechend gefördert werden und wären daher an Hauptschulen besser aufgehoben, weil diese kleineren, überschaubareren Systeme nach einschlägigen Untersuchungen den Schülern erheblich mehr an Halt, Orientierung und Geborgenheit bieten können. Außerdem machen sie hier nicht mindestens dreimal täglich die beschämende und entmutigende Erfahrung des Ausgegrenzt- und Abgestempeltseins. Das war seit 1984 bekannt.“
Professor H.-G.Rolff, laut „tageszeitung“ (taz) einer der wissenschaftlichen Wegbereiter der Gesamtschule", 1968 Mitverfasser jener Gesamtschulempfehlungen des deutschen Bildungsrates, heute am Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung tätig, Mitglied der Bildungskommission NRW und Mitautor von "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft" (1995), wusste noch im März 1995 nichts von dieser Benachteiligung lernschwacher Schüler. Als ihm in einem Interview (taz, 9.3.1995) meine 11.These (s. o.) vorgetragen wurde, antwortete er: "Die bisherigen Untersuchungen besagen das Gegenteil... Diese Kritik klingt für mich fast zynisch."
Auch Frau Dr. Anne Ratzki, vormals Leiterin der Gesamtschule Köln-Holweide, jetzt Dezernentin für Gesamtschulen bei der Bezirksregierung Köln, gab während einer Rundfunk-Diskussion (WDR5, 4.5.1995) auf meine diesbezüglichen Fragen zu, derartige Literatur nicht zu kennen, spottete dann aber im "Zwei-Wochendienst" (1617/1995, S.12) über meine Bedenken: "Das Mitleid mit den ach so überforderten schwachen SchülerInnen, die besser unter ihresgleichen an der Hauptschule aufgehoben wären, kann ich nicht teilen."
Den Gipfel der Gesamtschul-Gläubigkeit erreichte jedoch Dieter Weiland, Vorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG), im Göttinger Tageblatt vom 16.6.1995, mit Blick auf diese 11.These: "Nicht minder dicke Krokodilstränen werden über das Schicksal der schwachen Schüler vergossen, die in den Gesamtschulen täglich der schonungslosen Konkurrenz mit den Starken ausgesetzt seien und frustriert reagierten." (auch noch abgedruckt in "Gesamtschul-Kontakte", der Zeitschrift der GGG, September 1995 !)
Der "Arbeitskreis Gesamtschule e.V." (Postfach 420170, 50895 Köln) hat im Januar 1996 in der 6.Anfrage seines Offenen Briefes an alle Kultusminister sehr ausführlich auf die Situation der lernschwachen Kinder an integrierten Gesamtschulen hingewiesen. Dennoch wird es in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern von den Kultusministerien immer noch zugelassen, dass Gesamtschul-Initiativen auf Kosten bestehender, ortsansässiger Hauptschulen die Gründung von neuen integrierten Gesamtschulen betreiben. Die Auflösung der Hauptschulen wird bewusst einkalkuliert, damit die erforderliche Zahl von Anmeldungen zusammenkommt. Dann bestehen oft schon die Gründungsjahrgänge zu 50% und mehr aus potentiellen Hauptschülern.

Es wird also zur Gründung von integrierten Gesamtschulen eine Schülergruppe instrumentalisiert, die an den integrierten Gesamtschulen schlechter aufgehoben ist als an den verdrängten Hauptschulen.
Die entwürdigende Situation der lernschwachen Kinder an Gesamtschulen wird der Öffentlichkeit nicht mehr lange verborgen bleiben. Dann werden solche Initiativen - und ihre Zulassung – auch öffentlich als das bezeichnet werden, was sie in Wirklichkeit sind: als Akte der Grausamkeit gegenüber Kindern.
Und es ist zu befürchten, dass in absehbarer Zeit das hartnäckige Engagement für die integrierte Gesamtschule als ein düsteres Kapitel in der Geschichte der SPD bezeichnet werden wird. Denn bisher hatte sie sich immer - und mit großen Erfolgen - als das soziale Gewissen der Gesellschaft und als der Anwalt der Benachteiligten verstanden. Nun aber begünstigt sie seit Jahren schon eine Schulform, in der durch Natur und Herkunft benachteiligte Kinder erwiesenermaßen noch weiter benachteiligt werden.