Gesamtschule - ein Zukunftsmodell ?

 

Kurzfassung eines Vortrags, gehalten am 24.09.1999 in Linz/Oberösterreich auf einer bildungs-politischen Enquete des Mittelschüler-Kartellverbands (OÖMKV) vor etwa 250 Zuhörern.

Thema der Enquete: "Gesamtschule - ein Zukunftsmodell?"

Weitere Referenten: Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer, zuständig für Schule und kulturelle Angelegenheiten, Frau Gymnasialdirektorin Mag. Beatrix Unger und Ulrich Sprenger vom Arbeitskreis Gesamtschule e.V., Deutschland
(Die am Ende der Abschnitte in Klammern stehenden Erläuterungen wurden von der Redaktion nachträglich hinzugefügt.)

Dr. Johannes Riedl
Amtsführender Präsident des Landesschulrates für Oberösterreich

Ist die Gesamtschule am Ende?

Der aufgewiesene Irrtum -
und seine empirischen Daten

Fend und andere haben Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre zusammenfassende Berichte über die Schulversuche zur integrierten Gesamtschule in der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt. Nach ihren damaligen Berichten beschrieben sie eine Pattstellung: Vorzüge und Nachteile des (in der BRD) dreigliedrigen Systems und der Gesamtschule hielten sich in etwa die Waage. Keinesfalls aber konnte mit den Schulversuchen die angenommene Überlegenheit der Gesamtschule empirisch begründet werden.
Eine oberösterreichische Studie, die Anfang der 90er Jahre publiziert wurde, legte eine Auswirkung der "neuen Hauptschule", Ergebnis der Schulreform, frei: das Elend jener Schüler, die in zwei oder drei differenzierten Gegenständen in der Leistungsgruppe 3 landeten. (In der Leistungsgruppe 3 sind die schwächsten Schüler.)
Was bereits Fend berichtete, wurde bestätigt: Der heterogene Stammverband mit äußerer Differenzierung geht zu Lasten der Schulleistung und des schulischen Selbstbildes der schwächeren Schüler. ("äußere Differenzierung": Differenzierung nach Leistung in Kursen mit unterschiedlichen Ansprüchen - in neuer und immer anderer Zusammensetzung, auch Fachleistungs-Differenzierung genannt)
Die historisch wohl einzigartige systemvergleichende Studie nach der Wende 1989, durchgeführt vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, liefert ein sehr differenziertes Bild: Nicht nur um die Leistungen ist es an deutschen Gesamtschulen schlechtestens bestellt, sondern auch um das Sozialverhalten.
(Gemeint ist die seit 1991 laufende BIJU-Studie.)
Neue Wiener Daten aus 1999, erhoben vom Direktor des renommierten TGM (HTL) weisen den Absolventen/innen des Wiener Schulverbundes, einer Wiener Variante der integrierten Gesamtschule, kein gutes Gesamtzeugnis aus. An der HTL zeigen sie im Gesamtspektrum der Lernvoraussetzungen, also in den kognitiven Leistungen und in der Sozialkompetenz, nicht nur keine Vorsprünge, sondern Defizite gegenüber den Zugängen aus dem traditionellen System. (TGM (HTL): "Technologisches Gewerbemuseum Höhere Technische Bundeslehr- und Versuchsanstalt")
Das bleibende Problem -
und ein Lösungsansatz
Die relativ hohe Rückfluterquote aus der Unterstufe des Gymnasiums in die Hauptschule in den vergangenen Jahren hat ein Schnittstellenproblem aufgezeigt.
Die Erhaltung eines differenzierten Systems der Vielfalt in der Sekundarstufe I, das der Streuung der Begabungen entspricht, muss abgesichert werden durch die Verbesserung der Übergänge.
Mein Vorschlag: Eine mehrdimensionale Übertrittsprognose am Ende der 4. Klasse Volksschule (mit vorauslaufenden Vorbereitungen besonders der Eltern) in der Verbindung von Lehrerurteil, Test, Aufnahmeprüfung und Elternberatung.
Bleibt die Verbesserung der Prognose aus und kann die Unterrichtsdifferenzierung der AHS-Unterstufe das nicht kompensieren, so muss eine 5. Volksschulstufe ins Auge gefasst werden.
(AHS: Allgemeinbildende Höhere Schulen; AHS Unterstufe: die Jahrgänge 5-8 der Gymnasien und Realgymnasien. </p> <p>
Exkurs
Auch im begründbaren gegliederten Schulsystem der Sekundarstufe I bleibt die Herausforderung der angemessenen Unterrichtsgestaltung und Unterrichtsorganisation in homogenen und quasi-homogenen Lerngruppen, gar nicht zu reden von heterogenen Stammverbänden in AHS-Unterstufe und Hauptschule.
Ein neuer Lehrplan für die Sekundarstufe I muss daher nicht nur Mindestanforderungen für den Pflichtschul-Abschluss festlegen, sondern auch zu Übertritts-Standards führen.


Der Arbeitskreis Gesamtschule e.V. dankt Herrn Präsidenten Dr. Riedl dafür, dass er der Redaktion diesen Text zur Verfügung gestellt hat.