| Ich seh, was ich seh, und das sag ich dann auch.
Peter Rühmkorf
Gesamtschule im Alltag:
Faszination und Erschrecken
Autor: Martin Freytag
Als ich Ende Oktober 1998 gebeten wurde, für den
neuen "REFLEX" einen Erfahrungsbericht über den Alltag als Lehrer in
einer integrierten Gesamtschule zu schreiben, da habe ich spontan
zugesagt. Leichtfertig, wie mir jetzt scheint.
War ich mir damals noch sicher, aus diesem "weiten Feld" (Fontane) ohne
Mühe noch ein paar buchstäblich unerhörte, d.h. bisher so nicht
vernommene Neuigkeiten, Beobachtungen und Erfahrungen einbringen zu
können, so nagt an mir im Akt des Schreibens ein durchaus hartnäckiger
Zweifel. Dieser bezieht sich weniger auf meine in mittlerweile
vierjähriger Erfahrung vielfach durchgeformte, bisweilen geradezu
aufgenötigte An-Sicht des Arbeitsplatzes "Dinosaurier Gesamtschule"
(Josef Kraus). Vielmehr nährt sich dieser Zweifel an der Frage, ob nach
allem Untersuchten, Diagnostizierten und Diskutierten der vergangenen
Monate und Jahre bis hin zu den letzten Erhebungen des
Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung und des Vergleichs von
Abiturklausuren in NRW noch wirklich neue Kritik an der Gesamtschule
möglich sei. Schließlich soll und will doch diese Kritik gehört und in
ihrem überaus berechtigten Drängen auf ernsthafte Konsequenzen
wahrgenommen werden. Dieses kann und wird sie aber nur, wenn sie nicht
dem Fehler ermüdender Redundanz verfällt. Diesen Fehler wollen wir
getrost den wohlbekannten diskursresistenten Gesamtschul-Apologeten
überlassen, die schon Verrat wittern, wenn jemand pädagogische,
fachlich-inhaltliche und organisatorische Alternativen ins Spiel bringt,
die nicht die ihren sind.
Ein weiterer Zweifel gilt der Frage, wie gerecht, auch sachgerecht, eine
Kritik sein kann, die in einem großen Wurf "die" Gesamtschule ins Visier
nimmt. Setzt sich solcher Versuch nicht dem Verdacht bloßer Abstraktion
aus? Verkennt er nicht die Tatsache, dass es gerade im ländlichen
Bereich respektabel arbeitende Gesamtschulen gibt, an denen Kinder und
Jugendliche gute Lernerfolge erzielen und Kolleginnen und Kollegen mit
beneidenswerter Berufszufriedenheit arbeiten. Und ist ein kritischer
Erfahrungsbericht von jemandem, der eben nur an einer und nicht an
mehreren Gesamtschulen arbeitet, nicht zu individuell und zu schmal, um
Anspruch auf Repräsentanz zu erheben?
Sicher ist dies: Neben wissenschaftlichen Erhebungen, die nicht einfach
dadurch unwahr werden, dass man sie hochemotional attackiert oder
symbolisch mit Erbsen bewirft (vgl. die Aktion des Landeselternrats an
Gesamtschulen vom September 1998 gegen das Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung, abgedruckt in dieser Ausgabe), formiert sich Kritik
an der Gesamtschule seit geraumer Zeit und zunehmend in dem wichtigen
Bereich des Austauschens persönlicher Erfahrungen. Gemeinsein werden
bestimmte Schüler-Profile entdeckt, die an Gesamtschulen dominant sind.
Benannt werden organisatorische Rahmenbedingungen, insbesondere
Differenzierungs-Modelle, die einer veränderten Schülerschaft nicht
(mehr) gerecht werden. Kritisiert wird die Gesamtschul-Administration in
ihren unterschiedlichen Funktionen und Zuständigkeitsbereichen, wenn und
insofern sie sich gegenüber kritischen
Invektiven, konstruktiven Vorschlägen, offenen Dialogangeboten etc.
ideologisch verschanzt und Kritikern offensiv oder sublim repressiv
begegnet. Berichtet wird von bedauerlichen Schüler-Laufbahnen, die durch
das System objektiv mitverursacht worden sind. Insgesamt heißt das:
Persönliche Erfahrungen treten in einen breiteren Kontext, werden
vernetzt, erhalten Resonanz als Basis einer soliden
Selbstvergewisserung.
Vor diesem Hintergrund nun also doch noch ein paar Erfahrungen, die
weder neu noch originell, aber auch nicht einfach redundant sind, weil
kein Schlaglicht dem anderen gleicht.
1. Eltern schicken ihre Kinder (neben dem
Hauptmotiv der Ganztagsbetreuung) aufgrund des vollmundigen öffentlichen
Versprechens der optimalen Förderung und Forderung zur Gesamtschule.
Auch leistungsstärkere Kinder sind darunter, oder sollte man sagen:
waren? Denn speziell diese Klientel hat die Gesamtschule gerade in
städtischen Ballungszentren in den letzten Jahren fast ganz verloren.
Die Feststellung ist so einfach wie traurig: Begabten- und
Leistungsförderung findet an (zu) vielen Gesamtschulen nicht (mehr)
statt. Um die Bildung von "Leistungshierarchien" zu verhindern, frönt
man der Egalisierung und Nivellierung auf niedrigem Niveau. Wie sonst
könnte es angehen, dass z.B. im Fache Deutsch in E-Kursen 9. und 10.
Jahrgänge ein erheblicher Prozentsatz von Schülern und Schülerinnen
sitzt, welche der deutschen Sprache kaum ansatzweise mächtig sind?
Organisatorische Notwendigkeiten der Differenzierung (Jehkuhl,
AVO-Kommentar, S. 193) rangieren hier vor sinnvollen
Fachleistungskriterien. Leidtragende in diesem Fall sind potentielle
Oberstufenschülerinnen und -schüler, die aufgrund solcher Kurse schlicht
um den grundlegenden Erwerb von oberstufenrelevanten Fachinhalten und
Arbeitstechniken betrogen werden. Wer es mit diesen Jugendlichen auch
nur annähernd ehrlich meint, kann nur fassungslos darüber sein, wie
souverän man bis in die Spitzen der Gesamtschul-Administration hinein
über diesen bildungspolitischen und unterrichts-alltäglichen Skandal
hinwegsieht. So wird das "Haus des Lernens", als welches sich die
Gesamtschule gern selbst definiert, unversehens zum Krisenlaboratorium,
in dem vergessen wird, dass es um singuläre Bildungsbiographien von
Kindern und Jugendlichen geht.
Verlorene Jahre, vertane Ressourcen können eben nicht repariert werden
wie ein stotternder Motor. Für mich persönlich gehört es zu meinen
bittersten Erfahrungen im System Gesamtschule, die Geschichten von
begabten Jugendlichen zu hören oder auch selber zu verfolgen, die im 5.
Jahrgang verheißungsvoll starteten und bis zum 10. Jahrgang auf
erschreckende Weise unter ihrer Möglichkeiten geblieben sind, weil ihnen
die entsprechende Förderung nicht zuteil wurde. Die system-immanenten
Zwänge sind hier verantwortlich, und es ist nicht so, als ob die
Lehrerinnen und Lehrer versagt hätten! Wen wundert es dann, dass Eltern
begabterer Kinder mehr und mehr dem "herausfordernden Anregungsmilieu"
(Jürgen Riekmann, Hamburg) von Realschulen und Gymnasien vertrauen als
dem leistungshemmenden Milieu von Gesamtschulen?
2. Eine zweite Erfahrung (die kränkt und darum
auch krank machen kann), betrifft den Umgang der
Gesamtschul-Administration mit sachlich vorgetragener Kritik an
offenkundigen Missverhältnissen und unhaltbaren Zuständen. Hier soll
nicht die Rede sein von extremen Ausfällen gegenüber Kolleginnen und
Kollegen. Solche Vorkommnisse sind zum Glück selten, obwohl natürlich
jedes von ihnen eines zuviel ist. Gemeint ist vielmehr das alltäglich
irgendwo stattfindende höchst subtile Auflaufenlassen, Marginalisieren,
Abwiegeln, Konterkarieren, bewusste Missverstehen, sowie das höfliche
bis arrogante Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen von Kritik.
Die Handhabung solcher Strategien wird von betroffenen Kolleginnen und
Kollegen immer wieder berichtet. Sie hat also offensichtlich Methode.
Gerade diejenigen, die bei Lehrerinnen und Lehrern die Ausbildung von
Gesprächskultur und "Feedback-Kompetenz" als zentrales
Unterrichts-Element anmahnen, scheinen des öfteren diese Tugenden dann
zu vergessen, wenn sie ihnen selbst abgefordert werden. Wer einmal eine
solche Abfuhr erlitten hat und sich als eine vermeintlich vom Zeitgeist
verlassene Figur vorgeführt sah, wird sich schwerlich noch einmal
freiwillig z.B. an die fachliche Schulaufsicht wenden.
Ob das Stichwort von der Vertrauenskrise hier nicht seine traurige
Berechtigung hat? An wen sollen die Kolleginnen und Kollegen sich
schließlich wenden? Entspricht das vorurteilsfreie Anhören berechtigter
sachlicher Kritik nicht der zu leistenden Fürsorgepflicht?
Auf dem Spiel steht hier nicht mehr und nicht weniger als die
Humanisierung des Arbeitsplatzes Gesamtschule. Hingewiesen sei hier nur
auf die entsprechende Initiative des NWL-Ausschusses "Gesamtschulfragen"
sowie auf dessen grundlegende Aussagen: "Das Ignorieren von Missständen,
die Ausgrenzung andersdenkender Kolleginnen und Kollegen sowie die
innere Emigration vieler Lehrerinnen und Lehrer sind alarmierende
Indikatoren für ein äußerst unbefriedigendes pädagogisches Klima am
Arbeitsplatz... Schulaufsicht und Schulleitung müssen daher verstärkt
Kolleginnen und Kollegen aktiv im pädagogischen Alltag unterstützen und
in ihrer Menschenwürde schützen." (Bildung aktuell, Ausgabe 7/98, S. 16)
3. Die Gesamtschule schreibt sich gern auf ihre
Fahnen, die pädagogischste aller Schulformen zu sein. Nun muss die
Pädagogik des Unterrichtsalltags zweifellos auf die neue
Schüler-Generation reagieren. "Wir müssen pädagogischer werden!"
fungiert mehr und mehr als Wahlspruch forscher Gesamtschule-Vordenker.
Unangenehm und eigentlich unerwünscht sind jedoch Fragen, die die
inhaltliche Ausrichtung solch emphatischer Pädagogik betreffen. Sicher
nimmt die Gesamtschule ihren Erziehungsauftrag ernst - so ernst, dass
sie dabei oft den Bildungsauftrag vergisst. Aber: Wer im Rahmen von
Schule nicht bildet, erzieht auch nicht! Dabei käme es mehr denn je
darauf an, gerade anhand von fach- und lebensrelevanten Inhalten
konsequent Erziehungsarbeit zu leisten.
Dieser konstitutive Zusammenhang wird jedoch seit geraumer Zeit
überlagert vom zur Zauberformel und zum Renommierwort hochstilisierten
Begriff der "Sozialkompetenz" und neuerdings auch von jeder Menge "Orientierungs"-Komposita:
"Kind-Orientierung, Handlungs-Orientierung, Praxis-Orientierung,
Umfeld-Orientierung, Erlebnis-Orientierung, Prozess-Orientierung,
Team-Orientierung usw." (Kraus, S. 102) Und treffend fährt der Autor
fort: "Vor lauter Orientierungen nur noch Orientierungslosigkeit? Da
drängt sich der Eindruck auf, bei all den Komposita-Orientierungen gehe
es um Rhetorik statt um Substanz, um Verpackung statt um Inhalt, um
Methode statt um Stoff, um Hochglanzversprechen statt um Realitätssinn.
Zielorientierung von Unterricht, möchte man meinen, könnte zwar auch
nicht schaden, ebenso wenig Ergebnisorientierung, Fachorientierung,
Wissenschaftsorientierung und Denkorientierung. Aber so weit reicht die
Suche denn doch nicht." (Kraus, S. 102)
Die Verabsolutierung des Pädagogischen, zu einer freischwebenden
Beliebigkeitsmetapher mutiert, unter welcher jede(r) etwas anderes
versteht und jede(r) so handelt, wie es gerade genehm ist, verhindert
geradezu einen kontinuierlichen, stringenten Erziehungsprozess. Speziell
die Gesamtschule läuft hier ins offene Messer, insofern sie sich die
Rolle des gesellschaftlichen Reparaturbetriebs und des
Ersatzelternhauses aufdrängen lässt. Sie versteigt sich in
"pädagogischen Allmachtswahn" (Theodor Litt). Leidtragende dieser
aussichtslosen Vision sind letztlich alle - Lernende wie Lehrende -die
sich mit Leib und Seele auf diese Schulform einlassen. Wahrlich nicht
ohne Grund spricht Wulff D. Rehfus von "Aufstieg und Fall der imperialen
Pädagogik."
Wiederholt sei hier die Beobachtung, die ich seinerzeit für den Aufsatz
von Werner Fondermann "Haben Sie auch die richtige Methode gewählt?"
(REFLEX 1998, S.12) so formuliert habe:
" Kinder und Jugendliche kommen vielfach in dem Bewusstsein zur
Gesamtschule, dort handele es sich um einen Freizeit-Treff, allenfalls
um eine Schule, in der es um Spaß geht, nicht aber um die Erbringung von
Leistungen, die durch konzentrierte und beharrliche schulische und
häusliche Bemühungen und Arbeitsprozesse erbracht werden müssen."
Diese Mentalität setzt sich bei einem erheblichen Prozentsatz von
Oberstufenschülerinnen und Schülern fort. Empfehlend sei deshalb hier
noch einmal auf das Buch von Josef Kraus hingewiesen, der mit der
"Spaßpädagogik" in ihren verschiedensten Varianten abrechnet und sie als
eine wesentliche Sackgasse deutscher Schulpolitik demaskiert.
Drei Schlaglichter, nicht mehr. Aber vielleicht
doch grell genug, um dem immer lauter werdenden Ruf zur endlich fälligen
radikalen Reform des Systems "integrierte Gesamtschule" weiteren
Nachdruck zu verleiten. Die von Frau Ministerin Behler jüngst
eingeleiteten Maßnahmen zur so genannten "Qualitäts-Sicherung" (eine
Formulierung, die in pädagogischen Kreisen mittlerweile zum Unwort des
Jahres zu werden droht) können da nur der Anfang eines Anfangs sein. Und
wenn die Ministerin meint, der Vergleich der Abitur-Klausuren in NRW,
der für die Gesamtschulen bekanntlich wenig schmeichelhaft ausgefallen
ist (Stichwort: systembedingtes Notenlifting), sei kein Anlass für eine
Fortsetzung der Schulformdebatte, dann irrt sie gewaltig und lässt
zugleich Zweifel an der Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit ihres
Reformwillens aufkommen. Wie kann es z.B. sein, dass die
Versetzungsordnung für SchülerInnen des dreigliederigen Schulsystems
verschärft wird, an Gesamtschulen aber weiterhin bis zur Klasse 9
letztlich der Elternwille darüber entscheidet, ob eine Schülerin, ob ein
Schüler versetzt wird oder nicht?
Nichts ist in meinen Augen leistungsfeindlicher und unpädagogischer als
diese Regelung, von der Nicht-Vergleichbarkeit der Abschlüsse ganz zu
schweigen. So lange jedoch in Bezug auf grundlegende Reformen
strukturell-organisatorischer Vorgaben des Systems Gesamtschule Tabus
aufgebaut bleiben und die Strategie des geistigen Gefrierschlafs
bevorzugt wird, bewegen wir uns allenfalls im Kreis, aber nicht
konstruktiv nach vorn. Wer weiteres Suchen und Fragen nach der
bestmöglichen Förderung von Kindern und Jugendlichen für unnötig hält,
mag auf mancherlei Seite stehen - gewiss aber nicht auf Seiten der
Kinder, der Eltern und der Lehrerschaft. |