Wollen wir französische Verhältnisse?
Frankreichs Sekundarlehrer fordern gegliedertes Schulwesen.
Auf einer Veranstaltung des VDR in Rosenheim
berichtete Madame Monique Cartigny, Vorstandsmitglied der SNALC (Syndicat
National des Lycées et Colléges), der Lehrer-Gewerkschaft der
Sekundarschulen, über das französische Schulwesen und warnte die
Delegierten vor französischen Verhältnissen, wie sie uns durch das
Volksbegehren „Bessere Schule“ drohen. Wichtige Ziele dieses
Volksbegehrens sind unter anderem die schrittweise Einführung der
Gesamtschule (Regionalschule) und die Ausweitung der
Entscheidungs-Kompetenz des Schulforums und der Elternbeiräte.
Da die Befürworter der Regionalschule die negativen Erfahrungen in
anderen deutschen Bundesländern ignorieren, drängt sich der Blick über
den Zaun in unser Nachbarland Frankreich auf.
Dort bezeichnete sogar der jetzige Kultusminister Francois Bayrou in
seinem Buch „La décennie des mal-appris“ die Gesamtschule (collége
unique) als „sanglante anerie“ (himmelschreiende Dummheit), und in
französischen Zeitungen stößt man immer wieder auf Schlagzeilen, wie „Le
systéme éducatif court à l’abime“ (Das frz. Schulwesen steuert auf den
Abgrund zu) oder „Le collège, le trou noir de la pédagogie“ (Die
Gesamtschule, das schwarze Loch der Pädagogik).
Was ist so schlecht an der Gesamtschule, dass die ganze französische
Nation darüber klagt? Das „collège unique pour tous“, d.h. die
Einheitsgesamtschule für alle, umfasst vier Jahrgangsstufen und wird von
allen Schülern im Alter von 11/12 bis 15/16 besucht. Dieser Schultyp
wurde im Namen der Chancengleichheit 1976 vom damaligen
Erziehungsminister René Haby gegründet, nimmt alle Schüler, gleich
welchen Niveaus, welcher Interessen und Begabungen auf und unterwirft
sie im Prinzip vier Jahre lang den gleichen Lehrplänen.
Die angebliche Chancengleichheit führt schnell zur Nivellierung der
Leistungsunterschiede, zu stark heterogenen Klassen, zu verstärktem
Schulversagen der schwachen Schüler, zu Unterforderung und Langeweile
bei den leistungsstarken Schülern, zu einem starken Niveauverlust und zu
Disziplinschwierigkeiten. In den ersten zehn Jahren nach der
Einheitsgesamtschule für alle nahm die Zahl der Schüler, die eine Klasse
wiederholen mußten, ständig zu. Diese Situation verkehrt sich danach ins
Gegenteil, was zum einen auf den starken Niveauverlust und zum anderen
auf die größere Mitsprache der Eltern zurückzuführen ist, die bestimmen
können, ob ihr Kind eine Klasse wiederholt oder nicht.
Obwohl 20 % der Schüler nach der Grundschule nicht richtig lesen und
schreiben und kaum dem Unterricht folgen können, gibt es nur wenige
Schulen mit verschiedenen Leistungsgruppen, was zum einen daran liegt,
dass derartige Gruppen zu kostspielig sind, und zum anderen daran, daß
die Anhänger einer so genannten Chancengleichheit alles verhindern, was
nur im entferntesten nach Selektion und Eliteförderung aussieht. Wohin
führt diese angebliche „Chancengleichheit“?
Da viele Schüler überfordert sind und sich nicht zurechtfinden, werden
sie aggressiv, was gerade in den Vororten der Großstädte zu
katastrophalen Zuständen führt, die einen geordneten Unterrichtsbetrieb
unmöglich machen.
Leistungsstarke Schüler werden nicht genügend gefordert und gefördert,
sie sind frustriert und verlieren jegliches Interesse an der Schule und
am Lernen. Die Arbeitsbedingungen der Lehrer verschlechtern sich massiv:
Sie sind der Disziplinlosigkeit ausgesetzt, ohne sich wehren zu können.
Da der Elternwille darüber entscheidet, ob ein Kind vorrückt oder nicht,
ist ihnen auch dieses Disziplinierungsmittel genommen. Dazu kommt
erhöhte Arbeitsbelastung durch ständige pädagogische Konferenzen und
Sitzungen des Schulbeirates, die natürlich außerhalb des Unterrichts
stattfinden.
Diese „réunionite“ (was man mit „Konferenzitis“ übersetzen könnte) rührt
einerseits daher, dass das Hauptanliegen der Schulen nicht mehr die
Vermittlung von Kenntnissen ist, sondern die Disziplinierung aufmüpfiger
Schüler, andererseits von der Ohnmacht der Lehrer gegenüber den Eltern,
welche die Lehrer für das Schulversagen ihrer Kinder verantwortlich
machen.
Die SNALC fordert deshalb
• weniger Mitsprache für die Eltern;
• wieder mehr Entscheidungskompetenz und Rechte für die Lehrer, z. B.
das Recht, einem Schüler das Vorrücken in die höhere Klasse aufgrund
mangelnder Leistung zu versagen;
• die Rückkehr zum gegliederten, leistungsdifferenzierten Schulwesen.
Helga Kornprobst
Realschule in Deutschland 1/96, S. 14
Kommentar:
Die Darstellung bezieht sich auf Verhältnisse in Rheinland-Pfalz. Das
oben erwähnte Rosenheim liegt im Westerwald.
Abdruck mit freundlicher Erlaubnis der Verfasserin.
|