| Die unterschiedlichen Fördereffekte der
verschiedenen Schulformen
Es muss damit gerechnet werden, dass die meisten NRW-Gesamtschulen bei
leistungsstärkeren Schülern gegenüber Realschulen und Gymnasien in
Englisch und Physik und im Bereich der intellektuellen Fähigkeiten einen
noch niedrigeren Fördereffekt haben, als dies durch die bisherigen
Veröffentlichungen des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung zu
erkennen war.
Im Dezember 1996 veröffentlichte das Berliner Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung (MPIB) in seinem "2. Bericht für die Schulen" erstmals
Ergebnisse aus dem 1991 gestarteten Forschungsprojekt "Bildungsprozesse
und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter (BIJU)".
Bei den Untersuchungen hatte sich herausgestellt, dass die Schülerschaft
von NRW-Gesamtschulen und die Schülerschaft von NRW-Realschulen, was
Begabung ("kognitive Grundfähigkeiten") und Herkunft
("Bildungshintergrund der Eltern") angeht, sehr ähnlich sind. Dennoch
haben NRW-Realschüler, wie 1999 bekannt wurde (Köller/ Baumert/
Schnabel: "Wege zur Hochschulreife", Tabelle 5), am Ende des 10.
Jahrgangs gegenüber NRW-Gesamtschülern in Englisch, Mathematik und
Physik einen "Wissensvorsprung" von einem bis anderthalb Jahren.
(Vergleichs-Maßstab ist bei diesen Angaben der Lernfortschritt der
gesamten untersuchten Zufallsstichprobe pro Schuljahr. In Mathematik und
den Naturwissenschaften sind das etwa 10 Punkte, in Englisch 12 bis 15
Punkte.)
Am besten lässt sich die unterschiedliche Förderung an der 1996
veröffentlichten Grafik für das Fach Mathematik darstellen.
Schon am Anfang des 7. Jahrgangs hatten Realschüler gegenüber den
Gesamtschülern bei gleicher Begabung mit 9,3 Punkten einen
"Wissensvorsprung" von fast einem Schuljahr. Bis zum Ende des 10.
Jahrgangs wächst der Vorsprung um 5,3 Punkte auf 14,6 Punkte an. Trotz
der im 7. Jahrgang an den Gesamtschulen einsetzenden
Fachleistungs-Differenzierung bleiben die Gesamtschüler weitere 50%
hinter den Realschülern zurück. Auch in Englisch, Physik und Biologie
liegt der Wissensvorsprung der Realschüler nach Auskunft der erwähnten
Tabelle 5 am Ende des 10. Jahrgangs bei mehr als einem Schuljahr.
In der BIJU-Veröffentlichung vom Dezember 1996 (S.19) werden diese
Befunde vom MPIB folgendermaßen kommentiert: "Überraschend sind die
substantiellen Vorteile der Real- gegenüber den Gesamtschülern. Denn
aufgrund der kognitiven Voraussetzungen und des Bildungshintergrunds der
Eltern hätte man erwarten können, dass Schüler/-innen in beiden
Schulformen ähnliche Entwicklungsverläufe aufweisen."
Diese Schlussfolgerungen sind von Gesamtschulbefürwortern angezweifelt
worden. Es wurde darauf hingewiesen, dass überzeugende Befunde zum
unterschiedlichen Fördereffekt der verschiedenen Schulformen nur durch
entsprechend angelegte Längsschnitt-Analysen gewonnen werden können.
Dazu müssten konstante Kontrollgruppen von Schülern mit identischen
Ausgangsbedingungen über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.
Solche Befunde liegen aus dem Forschungsprojekt BIJU für Mathematik
bereits vor: Schon 1998 veröffentlichten Professor Baumert und sein
Mitarbeiter Dr. Köller in der Zeitschrift "Pädagogik" (6/98) Resultate
einer solchen speziellen Längsschnitt-Analyse. Für die dort beschriebene
spezielle Untersuchung waren anhand der BIJU-Daten von mehr als 2000
NRW-Schülern größere Gruppen (40-50) von Hauptschülern, Realschülern und
Gymnasiasten gebildet und über vier Schuljahre mit drei entsprechenden
Gruppen von jeweils 40 bis 50 gleichbegabten Gesamtschülern verglichen
worden, insgesamt also etwa 300 Schüler. Diese paarweise identischen
Gruppen waren einander auch bezüglich des sozialen Hintergrundes und
bezüglich ihres Leistungsstandes zu Beginn des 7. Jahrgangs identisch.
Die hier abgebildete Grafik veranschaulicht die Ergebnisse für das Fach
Mathematik. Sie entspricht einer in Farbe gehaltenen Grafik, die von
Mitarbeitern des MPIB 1998 bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt
worden ist, aber noch nicht publiziert wurde.
Am Ende des 10. Jahrgangs hatten die Realschüler gegenüber den
gleichbegabten Gesamtschülern, mit denen sie am Anfang des 7. Jahrgangs
noch denselben Leistungsstand hatten, "etwa in Mathematik einen
Wissensvorsprung von etwa 2 Schuljahren" ("Pädagogik" 6/98, S.17). Das
wären etwa 18 Punkte - und mithin im Vergleich zu der 1996
veröffentlichten Differenz von 5,3 Punkten sogar das Dreifache der dort
für die Gesamtstichprobe mitgeteilten Leistungsdifferenz zwischen dem
Anfang des 7. und dem Ende des 10. Jahrgangs! Zur Erinnerung: 10 Punkte
entsprechen ungefähr dem Lernfortschritt eines Schuljahres.
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