Die neuen Kinder |
| Das "neue Kind" in den Eingangsklassen unserer Schulen lässt sich in plakativer Verallgemeinerung wie folgt beschreiben: Es ist häufiger ein Junge als ein Mädchen, hat keine Geschwister. Die Eltern des Kindes leben nebeneinander her oder sind geschieden. In diesem Fall lebt es bei der Mutter. Familienerziehung hat es kaum erfahren. Es erinnert sich daran, dass Familie Streit, auch männliche Gewalt und Alkoholmissbrauch bedeutet. Zeitweise lebt es bei den Großeltern oder wird sonst wo verwahrt. Zumeist fehlt Geld. Allerdings kommt auch materielle Überversorgung vor. Beide Male fehlt es an Zuwendung. Der abwesende Vater und die anwesende Mutter kümmern sich kaum um ihr Kind. Es lebt neben der Mutter her und hört nicht auf sie. Täglich sieht es viele Stunden fern. Der Konsum von Sexfilmen und auch pornographischen Filmen ist ihm nicht fremd. Sein Frauen-Bild - wenn es ein Junge ist -, seine Vorstellung von Sexualität und Liebe bilden sich durch den Konsum entsprechender Fernsehfilme und Videos. Horror- und Aktion-Filme sind seine tägliche Zerstreuung. Es bleibt abends lange auf und ist morgens müde. Nicht selten kommt es zu spät zur Schule. Nicht selten hat es nicht gefrühstückt, hat es keine Pausenbrote mit. Die Hausaufgaben hat es nicht oder nur zum Teil gemacht. Lernergebnisse, die durch Memorieren erfolgen und zu sichern sind, sind ihm nicht abzuverlangen. In der Regel fehlt ihm Schulmaterial, wie Papier, Stifte usw., zumindest ist dies nur zum Teil vorhanden und schadhaft. Allerdings hat es oft elektronisches Spielzeug dabei. Den Unterricht findet es langweilig, und das sagt es den Lehrkräften auch, und zwar vor, während und nach dem Unterricht. Es gibt kaum ein Thema und kaum eine Unterrichtsmethode, die ihn Unterricht interessant finden lässt. Demzufolge unterhält es sich während des Unterrichts, ruft in die Klasse hinein, hält keine Regeln des Umgangs ein. Wenn die Schule zu einer Veranstaltung einlädt, vergessen Kind und Mutter die Rückmeldung. Zahlungen erfolgen verspätet und nach zahlreichen Mahnungen. Im allgemeinen ist es nicht bereit, eine Anweisung zu akzeptieren; die Lehrkräfte müssen ihm ein und dasselbe mehrmals nacheinander sagen, ehe es dies wahrnimmt - was noch nicht bedeutet, dass es Anweisungen befolgt. Gelegentlich entscheidet es, nicht mehr mitzuarbeiten, packt seine Tasche eine Viertelstunde vor Unterrichtsende und sagt: Ich habe keine Lust mehr. Es sehnt sich nach Anerkennung und hat gar nicht vor, faul zu sein oder sich asozial zu verhalten; es ist nur so, dass es nicht anders kann, dass es sich nicht steuern kann, dass es jeder Empfindung sofort nachgeben und jeder Anstrengung aus dem Weg gehen muss. Was es tut, muss Spaß machen und leicht sein. Es wird aggressiv, wenn es im Ausleben seiner Individualität behindert wird - als Junge häufiger denn als Mädchen. Seine Noten sind ausreichend bis mangelhaft. Seine Schrift ist kaum zu entziffern. Später will es viel Geld verdienen. Horst Hensel: Die neuen Kinder und die Erosion der alten Schule. Ein Essay zur inneren Schulreform, AOL+Lexika, Lichtenau und München 1995, S.21/22, (ISBN 3-89111-708-6)
|