Die integrierte Gesamtschule - dreißig Jahre später


Ein persönlicher Rückblick


Zweifellos gibt es keine faszinierendere pädagogische Idee als die der Gesamtschule, denn sie ist dem uralten Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit verpflichtet. Die Hoffnung, durch Herkunft und Begabung begünstigte Kinder könnten ihre Begünstigungen an die weniger begünstigten weitergeben, wenn sie in "einer Schule für alle" gemeinsam unterrichtet werden, hat für Pädagogen einen hohen Reiz. Ich bestreite nicht, mich auf die Faszination dieser Idee eingelassen zu haben. Zweiundzwanzig Jahre war ich Lehrer an einer der ersten sieben, 1969 gegründeten NRW-Gesamtschulen. Und ich war bereits Studiendirektor, als ich nach zwölf Jahren Berufserfahrung an diese Schule überwechselte. Sieben Jahre war ich Leiter der gymnasialen Oberstufe und als solcher Mitglied der Schulleitung. Zwei meiner drei Kinder haben diese Schule besucht und dort ihr Abitur gemacht.

Das war in der Zeit des Anfangs. Heute jedoch würde ich aufgrund meiner Erfahrungen sowie nach vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und aufgrund neuerer Ergebnisse der Bildungsforschung Eltern davon abraten, ihre Kinder auf eine Gesamtschule zu schicken. Im Anfang ließ sich alles ganz gut an. Damals hatten wir in den Klassen 50 Prozent und mehr gymnasial befähigte Kinder. Inzwischen aber hat sich bei den Eltern herumgesprochen, dass vor allem begabtere Kinder an den Gesamtschulen trotz intensiver Bemühungen der Lehrerschaft nicht ihren Möglichkeiten entsprechend gefordert und gefördert werden können. Vor allem durch den undifferenzierten Unterricht in den begabungsmäßig gemischten Lerngruppen der 5. und 6. Jahrgänge wird in der lernintensiven Phase der Vorpubertät bei den begabteren Kindern aus Rücksicht auf die Langsameren die verfügbare Lernzeit nicht hinreichend genutzt. Die Hoffnung, man könne durch sogenannte Binnendifferenzierung, durch eine gestaffelte Aufgabenstellung also, den unterschiedlichen Begabungen in ein und der selben Klasse gerecht werden, hat sich als eine Illusion erwiesen. Sie ist wegen des erhöhten Aufwandes unter den gegebenen Bedingungen nicht leistbar. An Gesamtschulen produzieren zudem sowohl die Heterogenität der Lerngruppen wie auch die Differenzierung eine Menge Disziplinprobleme. Schon darum geht durch das ständige Mahnen und Ermahnen eine Menge Lernzeit verloren.
Das Ausbleiben gymnasial befähigter Schüler, auch als Creaming-Effekt bekannt, wirkt wie ein sich selbst verstärkender Prozess. Denn nun fehlt den wenigen gymnasial Befähigten, die doch noch in die Gesamtschule kommen (an den meisten Gesamtschulen sind es im Schnitt sechs bis zwölf Prozent), „das herausfordernde Anregungsmilieu“ einer größeren Gruppe von Gleichbegabten, was die Attraktivität der Gesamtschule für begabtere Kinder weiter reduziert. Die im Rahmen des Forschungsprojektes BIJU vom Max-Planck-Institut für Bildungs-forschung Berlin seit 1996 veröffentlichten Befunde bestätigen zumindest den NRW-Gesamtschulen ein geringeres Lerntempo. Gymnasiasten haben dort demnach am Ende des 10. Jahrgangs zum Beispiel in Mathematik „einen Wissensvorsprung“ von mehr als drei Schuljahren.
Auch wenn Kinder zum mittleren Feld der Leistungsfähigkeit gehören, würde ich vom Besuch einer Gesamtschule abraten. Denn bei der an den meisten Gesamtschulen üblichen Differenzierung auf nur zwei Anspruchsebenen sind diese Kinder in den Grundkursen unterfordert und in den Erweiterungskursen überfordert. Unsere Hoffnung, dass an der Gesamtschule die Leistungsstärkeren die Schwächeren nachziehen würden, hat sich ebenfalls als eine Illusion erwiesen. Allenthalben erfolgt eine Nivellierung auf niedrigerem Niveau, teils weil die Stärkeren sich zurückhalten, um die Schwächeren nicht zu beschämen, teils weil sie von den Schwächeren zurückgehalten werden.
Bei den erwähnten Untersuchungen hat sich gezeigt, dass NRW-Realschüler am Ende des 10. Jahrgangs zum Beispiel in Mathematik gegenüber gleichaltrigen NRW-Gesamtschülern „einen Wissensvorsprung von etwa zwei Jahren“ haben. Die bedauerliche Folge: Kinder des Mittelfeldes, die eine Gesamtschule besuchen, haben bei Bewerbungen trotz gleicher Begabung oft nicht dieselben Chancen wie konkurrierende Absolventen von Realschulen. Ein weiterer Grund, die Gesamtschule nicht empfehlen zu können.
Wenn Kinder in ihrem Auffassungsvermögen und in ihrem Lerntempo nicht so schnell sind wie die Mehrheit ihrer Altersgenossen, dann würde ich erst recht vom Besuch einer Gesamtschule abraten. Denn im ständigen Zusammensein mit leistungsfähigeren Schülerinnen und Schülern müssen diese Kinder täglich erfahren, dass andere schneller, tüchtiger und darum auch beliebter sind. Diese Unterlegenheits- und Beschämungs-Erfahrungen sollten Eltern ihren Kindern ersparen.
Bei den schon erwähnten Untersuchungen hat sich gezeigt, dass der Förder-Effekt der Gesamtschule dem der Hauptschule keineswegs überlegen ist. Der Hauptschulabschluss ist aber für die meisten dieser Kinder schon die Grenze des Erreichbaren. Dennoch werden ihnen an der Gesamtschule die Strapazen der Differenzierung und das tägliche "Selegiertwerden" zugemutet. Daher wären sie an einer Hauptschule weit besser aufgehoben. Denn gerade leistungsschwächere Kinder benötigen in der Schule ein stabiles Beziehungsgefüge, sowohl was ihre Mitschüler als auch was ihre Lehrer angeht. Es war für mich eine bedrückende und mich zu meinem kritischen Engagement antreibende Erfahrung, dass gerade diesen Kindern die Gesamtschule nicht bekommt. Dabei liegt ihr Anteil an der Schülerschaft der meisten Gesamtschulen bei fünfzig Prozent und mehr.
Zum Konzept der Gesamtschule gehört die individuelle Förderung ihrer Schüler durch Leistungsdifferenzierung in den Hauptfächern und durch Neigungsdifferenzierung in den angebotenen Wahlfächern. Diese fachbezogene Differenzierung ist ein weiterer Grund zu meiner Kritik an der Gesamtschule. Denn durch die Differenzierung werden die Klassen zunehmend in Kurse aufgesplittert. Das hat zur Folge, dass am Ende im 9. und 10. Jahrgang höchstens noch sechs Stunden pro Woche im Klassenverband erteilt werden, und die nur in Nebenfächern. Eine Klassenlehrerin oder ein Klassenlehrer sehen ihre Klasse in ihrer Gesamtschule durchwegs höchstens zwei- bis dreimal in der Woche. Die Kinder ihrerseits treffen sich zum Unterricht in wechselnden Räumen und in immer anders zusammengesetzten Lerngruppen. Bei Klassenkonferenzen des 9. und 10. Jahrgangs hat man es wegen der Differenzierung mit 20 bis 28 Lehrern zu tun. Wie sollen da Absprachen getroffen werden? Dies alles in Zeiten, in denen der 1964 ausgerufene Bildungsnotstand schon seit längerem durch einen Erziehungsnotstand abgelöst worden ist. Die pädagogische Betreuung und Begleitung der Kinder erreicht jedenfalls an Gesamtschulen wegen der Aufsplitterung des Klassenverbandes nicht das Niveau der übrigen Schulen. Auch das ist durch die erwähnten Untersuchungen bestätigt worden.
Fazit: Die integrierte Gesamtschule hat sich nach dreißig Jahren als eine pädagogische Fehlkonstruktion erwiesen. Sie hat den hohen Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, nicht entsprechen können. Viel Geld und viel guter Wille sind in diesen dreißig Jahren aufgeboten worden. Doch trotz des hohen Engagements der dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer vermitteln nicht die Gesamtschulen, sondern die anderen Schulformen ihren Schülerinnen und Schülern größere Chancengleichheit, höhere individuelle Förderung und ein besseres Sozialverhalten.
„Eine wissenschaftliche Schule für alle“ – so lautete 1969 das Hauptargument des Deutschen Bildungsrates „für die Einführung von Schulversuchen mit Gesamtschulen“ – ist die Gesamtschule nicht geworden, und „eine wissenschaftliche Schule“ auch nicht.
Wir haben auf eine Schulform gesetzt, die keine Zukunft hat. Das ist es, was mich mit meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wie auch mit meinen ehemaligen Schülerinnen und Schülern auf tiefe Weise verbindet.

Ulrich Sprenger
Der Verfasser ist Vorsitzender im 1994 gegründeten gesamtschulkritischen "Arbeitskreis Gesamtschule e.V." (Geschäftsstelle: Spiekeroogstraße 21, 45665 Recklinghausen).
Erstveröffentlichung in „Die Welt“ am 30.06.1999 unter dem Titel: „Gesamtschule hat keine Zukunft.“