Die Nase der Kleopatra |
| „Die Nase der Kleopatra, wäre sie kürzer gewesen, die Weltgeschichte hätte einen ganz anderen Verlauf genommen!“ so sinnierte Pascal in seinen berühmten „Gedanken“. Aber die Nase war, wie sie war. Alles Weitere ist aus den Geschichtsbüchern bekannt: Julius Cäsar konnte den erotischen und politischen Reizen, die sich in dieser Person verkörperten, nicht widerstehen. Die beiden heirateten. Der Mittelpunkt des Römischen Reiches verlagerte sich in den nächsten vier Jahrhunderten in den Ostraum des Mittelmeeres. Der Westen jedoch geriet in die Turbulenzen der Völkerwanderung, bis Karl der Große 800 n. die Reichs-Idee und das weströmische Kaisertum erneuerte - und so weiter und so weiter. „Was lehrt uns das?“ fragt hier der Leser. Dies: Wenn das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) die Ergebnisse seines „Projektes Schulleistung“ rechtzeitig und mit der gehörigen Breitenwirkung veröffentlicht hätte, dann hätte die Geschichte des deutschen Bildungswesens ebenfalls einen ganz anderen Verlauf genommen. Das „Projekt Schulleistung“, auch „Gymnasiasten-Studie“ genannt, war die gründlichste Studie dieser Art, die je in Deutschland gemacht wurde. Im Rahmen dieses Projektes sind zwischen 1968 und 1970 in den zehn Ländern der damaligen Bundesrepublik und in West-Berlin - mit Unterstützung des Deutschen Philologenverbandes - etwa 14.000 Gymnasiasten an etwa 450 Gymnasien untersucht worden. Ziel der Studie war es, herauszufinden, welche „Faktoren des Systems“ die Lernleistungen fördern und welche „Faktoren des Systems“ die Lernleistungen behindern. Ertrag der Studie: „verarbeitbare Datensätze für 12.594 Schüler aus 427 Schulen und für insgesamt 1.130 Deutsch-, Englisch- und Mathematiklehrer“, mit Angaben zu den „Unterrichts-Strategien“ der Lehrer und mit Angaben zum Leistungsstand der Schüler in Deutsch, Englisch und Mathematik, mit Angaben zu ihren intellektuellen Grundfähigkeiten und zu ihrem Freizeitverhalten sowie mit Angaben zum Bildungsstand der Eltern- und der Großeltern-Generation. Die Untersuchungen beanspruchten jeweils drei Tage am Beginn und am Ende des 7. Jahrgangs. . Anhand des reichen Datenmaterials hätte der deutschen Öffentlichkeit schon sehr früh, spätestens aber 1982, mit der erforderlichen Breitenwirkung bekannt gemacht werden müssen, dass Gesamtschulen - unter den in Deutschland gegebenen Rahmenbedingungen - die Gymnasien nicht ersetzen können. Denn die Studie hatte ergeben: Leistungsstärkere Schüler werden hierzulande in leistungsgemischten Lerngruppen, die ja das tragende Element von Gesamtschulen sein sollten, nicht begabungsgerecht gefördert. Eine struktur-bedingte Vernachlässigung leistungsstärkerer Schüler durfte sich Deutschland als Industrienation auch damals schon nicht erlauben. Tatsächlich aber wurden Angaben über die „Faktoren von Schulleistungen“ aus dem „Projekt Schulleistung“ erst 1986 bzw. 1991 veröffentlicht, doch nur für Teilbereiche, dazu an abgelegener Stelle, in Fachzeitschriften nämlich. Deshalb sind sie auch heute noch selbst in der Fachwelt und unter Bildungspolitikern kaum bekannt. Eine zusammenfassende, allgemeinverständliche Darstellung der Ergebnisse hat es nicht gegeben. - Ohne diese beiden Veröffentlichungen von 1986 und 1991 wären das „Projekt Schulleistung“ und seine Ergebnisse sogar völlig in Vergessenheit geraten. . Wir stellen fest: Den Entscheidungsträgern in Politik und Bildungspolitik standen in den entscheidenden Jahren zwischen 1979 und 1982 entscheidende Informationen nicht zur Verfügung, zum Schaden der betroffenen Schüler und Lehrer und zum Schaden des Standortes Deutschland. Es hatte sich nämlich herausgestellt: Schon am Gymnasium ist es ein großes Problem, wenn innerhalb einer Klasse Vorkenntnisse und Leistungsvermögen zu weit auseinanderklaffen. Zitat aus einer von Professor Baumert, Professor Roeder und anderen Autoren 1986 vorgelegten Zusammenfassung von Teilergebnissen: „Auf zunehmende Streuung beziehungsweise ein geringes Vorkenntnisniveau antworten Lehrer offenbar unter anderem mit einer Verlangsamung des Unterrichtstempos und einer Intensivierung von Üben und Wiederholen. Diese repetitive Unterrichtsführung nützt wider Erwarten Schülern mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen nur wenig, während die Lernfortschritte der Schüler des oberen Leistungsdrittels merklich beeinträchtigt werden.“ (Baumert u. a. 1986, S. 655). Das war im Grunde eine vernichtende Prognose für alle Versuche, in Deutschland die Effektivität des Unterrichts in den weiterführenden Schulen durch die Einführung von leistungsgemischten, heterogenen Klassen zu verbessern. . Professor Roeder (als Direktor am MPIB von 1973 bis 1995 Vorgänger von Professor Baumert) teilte dann 1991 mit, welche Leistungsdefizite in diesem „oberen Leistungsdrittel“ bei Schülern vorgefunden wurden, die bis dahin in völlig leistungsgemischten, heterogenen Lerngruppen unterrichtet worden waren, wie sie in den 5. und 6. Jahrgängen von sechsjährigen Grundschulen (und z.B. auch in Gesamtschulen!) üblich sind: Bremer und Berliner Gymnasiasten hatten am Anfang des 7. Jahrgangs gegenüber den Gymnasiasten anderer Bundesländer, die im 5. und 6. Jahrgang schon das Gymnasium besuchten, erhebliche Nachteile. „Im Englischen beträgt der durchschnittliche Leistungsunterschied zu Beginn des Schuljahres etwas mehr als eine Standardabweichung, im Mathematikunterricht etwa eine dreiviertel Standardabweichung.“ (Roeder/Sang 1991, S.167) Das entspricht bei gymnasialem Lerntempo nach üblichen Maßstäben dem Lernrückstand von ungefähr anderthalb Schuljahren. . Wenn das Datenmaterial des „Projektes Schulleistung“ seinerzeit so schnell wie möglich ausgewertet und die Ergebnisse dann - ihrer Bedeutung entsprechend - auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit mitgeteilt worden wären, dann hätte die Geschichte des deutschen Bildungswesens ganz sicher einen anderen Verlauf genommen. Denn dann hätte es in Deutschland gar nicht erst zur Gründung der vielen Gesamtschulen, Regionalschulen, Sekundarschulen, Orientierungsstufen und sechsjährigen Grundschulen kommen dürfen, die seit 1982 hierzulande eingerichtet worden sind, zum Schaden der in langen Jahren gewachsenen Schullandschaften. Die „Schulversuche mit Gesamtschulen“ hätten ein Ende gehabt. Im Mai 1982 beschloss nämlich die Kultusministerkonferenz ihre „Rahmenvereinbarung für die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen an integrierten Gesamtschulen“. Diese Vereinbarung wäre ganz sicher am Veto des bayrischen Kultusministers gescheitert, wenn die Ergebnisse des „Projektes Schulleistung“ damals schon veröffentlicht worden wären. Die „Empfehlungen zur Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen“ wurden bekanntlich 1968 für den „Deutschen Bildungsrat“ unter dem Vorsitz von Dr. iur. h. c. Hellmut Becker, dem Gründungsdirektor des 1963 gegründeten MPIB, erarbeitet. Weitere Mitglieder in diesem Unterausschuss „Experimentalprogramm“ waren neben anderen Hartmut von Hentig, Jürgen Raschert, Hans-G. Rolff und Peter M. Roeder. - In jener Zeit gab es Leute, die das Gymnasium abschaffen wollten. „Schnee von gestern!“ sagen die einen. Wir aber sagen: Es sind die Probleme von heute und morgen und übermorgen! So durfte und so darf mit der Zukunft von Kindern, mit den Hoffnungen der Eltern, aber auch mit der Einsatzbereitschaft von Lehrerinnen und Lehrern nicht umgegangen werden. Tag für Tag sehen die sich mit Erwartungen konfrontiert, von denen vor 20 Jahren schon zu erkennen war, dass sie unter den gegebenen Bedingungen nicht zu erfüllen sind.. Wenn all der Eifer und all das Geld und all der gute Wille, die seit 1982 in die Gesamtschulen investiert worden sind, der Weiterentwicklung des gegliederten Schulwesens, vor allem aber den Hauptschulen, zugute gekommen wären, dann stünde das deutsche Schulwesen heute besser da. Im Februar 2002 stießen wir auf ein unveröffentlichtes Gutachten von Professor Roeder aus dem Jahre 1995. Darin rät er in seiner Eigenschaft als Direktor des MPIB (mit Briefkopf des Institutes) dringend davon ab, in Sachsen-Anhalt die Orientierungsstufe einzuführen, weil dies zu einer erheblichen Benachteiligung leistungsstärkerer Schüler führen würde. Zitat aus der Zusammenfassung: Die unter den gegebenen Bedingungen (...) problematischste Organisationsform zur einzig möglichen zu erklären, dürfte Frustration und Scheitern vorprogrammieren. Aber offenbar ist sich der Gesetzgeber dieser Schwierigkeiten nicht ausreichend bewusst, wie es scheint.“ Professor Roeder beruft sich bei diesen Warnungen auf seine zu der Zeit noch nicht veröffentlichte „Binnendifferenzierungs-Studie“ aus dem Jahre 1980 und vor allem auf die erwähnten Ergebnisse des "Projektes Schulleistung" aus den Jahren 1968 bis 1970. Unsere Frage: Wenn für Professor Roeder die Ergebnisse dieser Studie auch nach 25 Jahren immer noch eine so hohe Gültigkeit hatten, dass er mit seinem Gutachten von 1995 eine Tradition des Schweigens und Verschweigens durchbrochen hat, warum konnten diese Ergebnisse dann nicht schon sehr viel früher veröffentlicht werden? Was nun aber die Nase der Kleopatra und den nicht mehr zu ändernden Verlauf der Weltgeschichte angeht: Mit der Geschichte des deutschen Bildungswesens ist das nicht so! Da kann sehr wohl etwas geändert werden. . Die Ergebnisse des „Projektes Schulleistung“ können nämlich mit den Befunden späterer Studien aktualisiert und weiter präzisiert werden. Gemeint sind das 1991 im 7. Jahrgang gestartete MPIB-Forschungsprojekt „Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter (BIJU)“und die PISA-Studie von 2000. Mit der BIJU-Studie gab es aus Berlin und aus NRW wiederum Daten über den im 7. Jahrgang vorgefundenen Leistungsstand in Mathematik und Englisch von jeweils etwa 800 Gymnasiasten. Und mit der PISA-Studie gab es Angaben über den im 9. Jahrgang erreichten Leistungsstand, wiederum jeweils von etwa 800 Gymnasiasten aus Berlin und NRW. Angaben über den unterschiedlichen Förder-Effekt verschiedener Schulen und Schulformen sind erst dann nah an der Realität, wenn „die Leistungen vergleichbarer Schüler“ verglichen werden, von Schülern also, die „einen ähnlichen familiären Hintergrund und ähnliche intellektuelle Grundfähigkeiten“ haben. Derartige Angaben liegen sowohl für die BIJU-Studie als auch für die PISA-Studie vor. Im Rahmen der PISA-Studie sind solche Vergleiche in einem Falle sogar gemacht worden: Verschiedene Zeitungen hatten im November 2002 aufgrund einer dpa-Meldung über angebliche „Spitzenleistungen“ der Laborschule Bielefeld berichtet. Diese Meldung hat das MPIB in seiner „Stellungnahme“ vom 26.11.2002 als „irreführend“ korrigiert. Die Schüler der als Muster-Gesamtschule gepriesenen Laborschule Bielefeld erreichten nämlich im Lesen und in den Naturwissenschaften nur sehr knapp das Niveau von „vergleichbaren Schülern anderer Schulen in NRW“, in Mathematik lagen sie sogar ein halbes Jahr unter deren Niveau! ( www.mpib-berlin.mpg.de/pisa ) Im März 2003 wird das MPIB solche Schulform-Vergleiche der PISA-Studie veröffentlichen, die dann nach den hier beschriebenen „Grundregeln der Schuleffektivitätsforschung“ erstellt sein dürften. . Mit den bisher veröffentlichten PISA-Befunden wurde von ihren Befürwortern eine Reanimation der deutschen Gesamtschul-Bewegung betrieben. Das war nur möglich, weil aus der PISA-Studie die Ergebnisse solcher bundesweiten Vergleiche bisher noch nicht veröffentlicht worden sind. Sie hätten den Gesamtschulen und anderen integrativen Schulformen in Deutschland bei vergleichbaren Schülern zweifellos einen deutlich niedrigeren Förder-Effekt bescheinigt. Nach Ausweis der BIJU-Studie hatten nämlich NRW-Gymnasiasten am Ende des 10. Jahrgangs gegenüber vergleichbaren NRW-Gesamtschülern z.B. in Mathematik „einen Leistungsvorsprung von mehr als zwei Schuljahren“ (Pädagogik 6/98, S.17). Diese wichtige Information über 1995 vorgefundene Leistungsunterschiede erfolgte lediglich in einer Fachzeitschrift und blieb daher ohne Beachtung und Wirkung. Es ist also an der Zeit, dass mit dem Datenmaterial der BIJU-Studie sowie mit dem Datenmaterial der PISA-Studie die Ergebnisse des „Projektes Schulleistung“ aktualisiert, präzisiert und dann breitenwirksam veröffentlicht werden. Weil die Daten in verarbeiteter Form vorliegen, kann das schon recht bald geschehen. Es handelt sich unseres Erachtens hierbei um eine Bringeschuld. Eine seit Jahren anstehende, auf empirischen Befunden basierende kritische Analyse der 1968 induzierten Bildungsreformen und eine Revision der Entwicklung des deutschen Bildungswesens wären dann möglich. Einmal angenommen, das „Max-Planck-Institut für medizinische Forschung“ in Heidelberg hätte herausgefunden, eine traditionelle Behandlungsmethode der Kinderheilkunde wäre im hiesigen Klima erheblich wirksamer als eine von den zuständigen Ministerien mit großem Aufwand propagierte neue Behandlungsmethode! Wie würde die deutsche Öffentlichkeit wohl reagieren, wenn sie erführe, dass dieses Institut über lange Jahre - aus welchen Gründen auch immer - nicht im Stande gewesen ist, die Ergebnisse seiner Forschung bekannt zu machen?
|