Professor Dr. Dieter Neumann
"Begabung und Lernen" Bildungsreformgrundsätze auf
dem Prüfstand
(Vortrag auf einer Tagung des Arbeitskreises Gesamtschule e.V.)
In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat die naturwissenschaftliche
Erforschung des Menschen in den Bereichen der Biologie, der Medizin
(Genetik, Hirnphysiologie) und der experimentellen Psychologie große
Fortschritte gemacht. Erkenntnisse über seine stammes-geschichtlichen
Entwicklungen haben ein neues Licht auf die tiefsitzenden Dispositionen
seiner Gefühlswelt, seiner Temperamentsanlagen und die Beschaffenheit
und Entwicklung seiner Begabungen und seiner Lernfähigkeit geworfen.
Diese neuen anthropologischen Daten haben - das lässt sich vorweg schon
sagen - das Bild des Menschen, wie es die Pädagogik und auch andere
Humanwissenschaften zu Beginn der Reformperiode vor ebenfalls
fünfundzwanzig Jahren zeichneten, durchkorrigiert.
Hier ist insbesondere die Widerlegung des Behaviorismus zu nennen, einer
Lerntheorie mit umfassendem anthropologischen Erklärungsanspruch.
SKINNER, neben WATSON einer der Väter dieser Theorie, hat, was in der
Wissenschaft höchst selten vorkommt, selbst große Teile seiner
theoretischen Behauptungen widerrufen. Zu groß war der durch
verhaltenstheoretische und neurophysiologische Erkenntnisse gewachsene
Druck, als dass die Behauptung, unser Kopf wäre bei der Geburt ein
leerer Kasten, eine "black box", die erst in der ontogenetischen
Entwicklung durch äußere Einflüsse des "Milieus" ihre Prägung erfährt,
aufrecht erhalten werden konnte. Parallel dazu korrigierten
Nachforschungen im Bereich der vergleichenden Kulturanthropologie,
früher "Völkerkunde", die bis heute in der Pädagogik beanspruchte Sicht
eines "Kulturrelativismus", wie er seit den zwanziger Jahren durch BOAS
und vor allem durch Margret MEAD bekannt gemacht wurde.
Bemerkenswerterweise zeigt sich nun die Pädagogik gegenüber einer
solchen Veränderung des Forschungsbildes seltsam resistent. Man kann
nicht einmal sagen, dass sie diese abwehrt; sie nimmt sie überwiegend
gar nicht zur Kenntnis. So lebt man mit dem Dualismus zweier Bilder:
Einem selbstgemachten spekulativen und einem naturwissenschaftlichen
Menschenbild.
Die Pädagogik wird weiter beherrscht von "idealen Theorien" oder
"theoretischer Idealität", die sich allerdings inzwischen auffällig
kümmerlich zur Realität verhält.
Obwohl das Forschungsaufkommen diese Theorien nicht stützt, predigt der
größte Teil der Pädagogik Zufriedenheit mit den Theorien und dem
Erkenntnisstand der sechziger Jahre, die das Fundament für das "take
off" der großen Bildungsreform darstellten.
Die Immunisierung des alten theoretischen Kanons mag damit zu tun haben,
dass diese Theorien einfach zu schön, zu ideal sind, um nicht wahr zu
sein. Ich werde am Ende noch einmal darauf zurückkommen, warum hier
offensichtlich eine moralische Bewertung von Theorien vorgenommen wird
und nicht eine theoretische nach den Gesichtspunkten von "wahr" und
"falsch". Das Erziehungssystem selbst kann aber offensichtlich mit
seinen eigenen tiefsitzenden "Mythen" gut leben, und dass muss Gründe
haben, die in der Funktion und im sozialen Bedeutungsanspruch des Faches
vermutet werden können.
Die Mythen sind also invariant; störend sind nur die praktischen
Effekte, die nicht in dieses schöne Bild passen wollen. Die Skizzierung
dieses Kontrastbildes erfolgt nun nicht durch den theoretischen Bereich,
sondern durch Medien und Öffentlichkeit, die das Schul- und
Bildungswesen als krisenhaft diagnostizieren. In der Öffentlichkeit
finden die Stimmen anderer Systeme, zum Beispiel des Wirtschaftssystems
Gehör, die unter den Folgen praktischer Fehlentwicklungen leiden, und
die in schrillen Tönen darauf verweisen, dass Schülern und Studenten
elementare Grundkenntnisse fehlen, dass die Etikette von Abschlüssen
nicht mehr das halten, was sie versprechen und, dass von sozialen,
moralischen Haltungen der Jugendlichen nicht die Rede sein könne, weil
Egoismus und Aggressivität sich breit machen.
Die Erziehungswissenschaft führt diese Krisendiskussion nur defensiv und
nach einem bestimmten Muster, auf das ich noch eingehen werde.
Aber auch die aktive Lehrerschaft, zu ihrem überwiegenden Teil in den
sechziger/siebziger Jahren ausgebildet und entsprechend theoretisch
geprägt, führt diese Diskussionen nicht so, dass die Mängel und Defizite
auf Unstimmigkeiten des theoretischen Zielkatalogs zurückgeführt werden.
Man reagiert nicht mit Forderungen nach Evaluation, echten
Problemanalysen und Forderungen nach tiefgreifenden Kurskorrekturen,
sondern mit einem Ausprobieren immer neuer didaktischer und methodischer
Modelle ("Offener Unterricht", "Schulautonomie") über denen die
Emanzipationspädagogik des Jürgen HABERMAS weiter so unberührt schwebt
wie ein Geist über dem Wasser.
Noch ein genauerer Blick auf die theoretischen Pädagogen, weil es hier
immer wieder zu Nachfragen kommt: Ein großer Teil, der größte, verharrt
in der Repetition des alten Theoriekanons. Der ist sozusagen in "Fleisch
und Blut" übergegangen. Ein anderer Teil hat sich mit unguten Gefühlen,
weil man sich nicht zur Abrißbirne dessen machen will, was man selbst
mit aufgebaut hat, in historische Forschungen geflüchtet, um dort
liegengebliebene Kleinrätsel zu lösen.
Zwar wird auch eingeräumt, dass das Erkenntnispotential der
Erziehungswissenschaft wohl begrenzter ist, als in der Reformära
angenommen, die Konsequenzen solcher Bescheidenheitspostulate aber
werden mehr in einer Wissenschafts- und Erkenntnis-theoretischen
Problemdiskussion gesucht, die, interessant aber abstrakt über das Ende
des Aufklärungsgedankens philosophiert.
Viele unserer theoretischen Pädagogen sind also heute "distanzierte
Beobachter und nicht wie in der 60er Reformära "engagierte Akteure". Sie
beschränken sich auf ein hochinteressantes erkenntnistheoretisches
Glasperlenspiel und sehen auch die Korrosion des alten Theoriesets,
arbeiten aber weder intern noch öffentlich an seiner Revision.
Öffentlich begegnen sie weiter den alten "engagierten Akteuren". Der
Satz von Hubert MARKL, dem langjährigen Vorsitzenden der DFG, dass
"Erkenntnis nicht nur durch neue Entdeckungen wächst, sondern auch durch
die Korrektur falscher Ansichten" wird nicht als Auftrag verstanden. Die
Differenz zwischen dem alten theoretischen Versprechen und den beklagten
praktischen Effekten wird deshalb gerne anders erklärt und endet in der
Regel mit einer Verlängerung des Versprechens.
Ein kürzlich unter dem Titel "Schule Neu Denken" (1991) verfasster
Aufsatz des Pädagogen Hartmut von HENTIG ist dafür ein typisches
Beispiel: So gesteht VON HENTIG zu, dass die nun fast dreißig Jahre
alten pädagogischen Reformtheorien, wie sie in dem Gutachten des
deutschen Bildungsrates, der "Bibel der Verschulung", als Grundlage der
umfassenden Bildungsreform dargestellt wurden, in großem Kontrast zur
heutigen Schulwirklichkeit stehen. Eigentlich, so meint er, hätten diese
innerhalb von zehn Jahren greifen müssen. Dennoch, gibt er zu, wird
nicht freudiger und besser gelernt, und auch das so sehr angestrebte
"soziale Verhalten" ist nicht beobachtbar. Im Gegenteil: Es muss von
einer zunehmenden Aggressivität und Gewaltbereitschaft bei Schülern
gesprochen werden.
VON HENTIG überprüft nun aber keinesfalls die alten theoretischen
Grundsätze auf mögliche Irrtümer, keine moderne Forschungslinie der
wichtigen Nachbardisziplinen wird auch nur erwähnt, vielmehr
unterstreicht er noch einmal die uneingeschränkte Gültigkeit der alten
Grundsätze, an denen allen Irritationen zum Trotz festgehalten werden
soll. Ausdrücklich erwähnt er in diesem Zusammenhang ROTHs "aktiven und
dynamischen Begabungsbegriff", HECKHAUSENs "Motivations- und
Lerntheorie" und KLAFKIs "moderne Didaktik".
Der so ganz anders prognostizierte und heute beklagte Zustand der
Realität wird nicht auf erzieherische Fehlmedikation, sondern auf
Dynamik in der Gesellschaft selbst zurückgeführt: Dessen Klima sei durch
"verschärften Wettbewerb" und "Anonymisierung der Beziehungen" rauh und
kalt geworden, die Ablenkungsmöglichkeiten seien groß, und die
Gesellschaft gehe zynisch mit ihren jungen Leuten um, weil diese erst
dreißig Jahre alt werden müssen, um berufliche Möglichkeiten zu haben.
Da fragt man sich, wie VON HENTIG sich denn die von ihm einst so
unterstützten Wirkungen bildungsexpansiver Absichten mit ihren Folgen
für Abiturientenzahlen, Studentenzahlen und Arbeitsmarkt vorgestellt
hat? Alle sollen studieren und das Berufseintrittsalter ist ihm zu hoch?
Vor allem aber ist verwunderlich, dass umstandslos akzeptiert werden
soll, dass das von ihm mit aufgelegt erzieherische Reformprogramm nichts
mit den beschriebenen Merkmalen des aktuellen Zustands zu tun haben
soll. Denn vor dreißig Jahren hatten die Reformer viele der ihnen
kritikwürdig erscheinenden Zustände dem damals regierenden "Geist"
traditioneller Pädagogik in die Schuhe geschoben.
Ein zentrales Thema dieser alten Pädagogik aber war: Man muss die
Nebenfolgen, auch Negativfolgen von "guten Absichten" als solche
erkennen können!
Ich möchte jetzt das, was VON HENTIG unterlassen hat, in aller Kürze
darstellen: Eine Inspektion der Reformgrundsätze; eine Überprüfung ihrer
theoretischen Tragfähigkeit. Denn sollte dabei deutlich werden, dass
diese selbst revisionsbedürftig sind, weil sie durch wissenschaftliche
Erkenntnisse nicht gedeckt werden, wären die beklagten Entwicklungen in
einer ganz anderen Weise durchschaubar zu machen, als VON HENTIG dies
versucht.
Auf den Zustand von KLAFKIs "moderner Didaktik", in Form seiner Theorie
"der kategorialen Bildung", möchte ich hier aus Zeitgründen nicht näher
eingehen. Nur soviel: Diese Didaktik ist eine Problembeschreibung mit
appelativem Charakter und keine Problemlösung. Nicht von ungefähr hat
heute der Rückgriff auf Prinzipien und didaktische Überzeugungen der
Reformpädagogik der zwanziger Jahre Konjunktur.
Zu ROTHs "dynamischen Begabungsbegriff": Der Psychologe Franz WEINERT
hat kürzlich die Hintergründe der ROTHschen Vorgehensweise ausgeleuchtet
und dabei festgestellt, dass erstens ROTH selbst überhaupt keine
empirischen Forschungen zu diesem Thema vorge-nommen hat, sondern
zweitens auf ein Werk des Engländers HUNT ("Intelligence an Experience")
zurückgriff, der drittens selbst nur eine Neuinterpretation von
empirischen Datenerhebungen aus den dreißiger Jahren vorgenommen hatte,
die viertens schon für ganz andere Schlussfolgerungen gedient hatten.
HUNT selbst hatte sehr vorsichtig formuliert, dass die intellektuelle
Entwicklung eines Kindes auch auf Umweltverhältnisse zurückgeführt
werden könnte. WEINERT schlussfolgert, dass ROTHs Begabungsbegriff wohl
auf einer vom Zeitgeist beeinflussten Neudeutung alter Daten fußt. ROTHs
dynamischer Begabungsbegriff, der die bis dahin unumstrittene Bestimmung
von Begabung als "Messung einer Lernanfangleistung" auflöste und
"lernen" und "begaben" zu fast deckungsgleichen Größen machte, besaß
also schon zur Zeit seiner Verkündung, von ROTH als engagiertem
GEW-Reformer auch politisch plakatiert, kein wirklich stützendes
wissenschaftliches Fundament. Und die heutige Forschungslage
widerspricht dem damals reklamierten Bild deutlich: Die Widerlegung des
Kulturrelativismus, die Selbstkorrektur des Behaviorismus vor dem Druck
der Erkenntnisse der Neurophysiologie, der biologischen
Verhaltensforschung (Ethologie), der Genetik und neue Ergebnisse der
Zwillingsforschung (BOUCHARD-Studie) sowie Erkenntnisse der
Entwicklungspsychologie auf der Basis von Langzeitbeobachtungen an
Kindern (KAGAN) lassen es nicht zu, Formen von Ungleichheit nur als eine
Folge milieubedingter Umstände zu erklären und deshalb für prinzipiell
korrigierbar zu halten. Für eine "tabula - rasa" -Anthropologie, die
behauptet, dass im wesentlichen Milieu, Erfahrung und Lernprozesse über
Begabungsstrukturen entscheiden, stehen keine wissenschaftlichen
Beweismittel zur Verfügung.
In der aktuellen bildungstheoretischen Debatte wird denn auch auf diese
Forschungs-ergebnisse kaum Bezug genommen. So fehlt jede Referenz zum
Korpus moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse, ganz anders als vor 25
Jahren, wo Politik und Öffentlichkeit der Umbau des Bildungssystems als
notwendige Konsequenz aus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen
nahegelegt wurde.
Zu HECKHAUSENs Abhandlung über "Förderung der intellektuellen
Tüchtigkeit" und "Lernmotivierung", in der das Bild eines "zwangfreien
Lernens" und einer "unmittelbaren", also "intrinsischen Lernmotivation"
entwickelt wird. Vorstellungen, an denen VON HENTIG und andere bis heute
festhalten:
Die Rekonstruktion der Argumentationsstruktur dieses folgenreichen
Aufsatzes müsste eigentlich einen größeren Raum einnehmen, um Ihnen die
durch eine elegante Theoriebautechnik geschickt verdeckten logischen
Unstimmigkeiten der Beweisführung zu verdeutlichen. Ich muss mich aber
auf eine grobe Skizze beschränken.
HECKHAUSEN unterscheidet zunächst zwischen verschiedenen
Bedingungsvariablen, wie "Entwicklungsstand", "kognitivem Stil" und
"Lernmotivierung", denen er, wenn wir an ROTHs Postulate denken,
überraschenderweise verschiedene Anteile an genetischer Determinierung,
also an festen Anlagepotentialen zuschreibt. Er löst aber diese
Anteilschätzungen später mit dem Argument wieder auf, dass über das
Zusammenwirken der Faktoren Anlage und Umwelt nichts genaues gesagt
werden kann und zeichnet schließlich das Bild einer weitgehend
plastischen für Lernstimulanzen weit offenen Lernnatur. Ein Bild, das er
dann für seine schulorganisatorischen Schloßfolgerungen nutzt.
Bemerkenswerterweise aber operiert er an anderer Stelle wieder mit
seiner ersten Einschätzung, wenn er behauptet, dass bei optimaler
Umweltanregung und Lernförderung aller, die durch genetische Anlagen
bedingten Unterschiede von "intellektueller Tüchtigkeit" erst richtig
zutage träten. In Konsequenz daraus müsste HECKHAUSEN eigentlich für ein
hochindividualisiertes Verfahren der Unterweisung eintreten, also auf
eine Art des "Hauslehrerprinzips" plädieren. Zumindest aber ergäbe sich
daraus logisch die Befürwortung des drei- oder gar eines noch
mehrgliedrigen Schulsystems. Aber weit gefehlt: HECKHAUSEN wechselt den
Rahmen erneut und empfiehlt mit dem Bild des plastischen Individuums
die. Gesamtschule, wobei er einen weiteren Gesichtspunkt einführt, der
mit der Frage kognitiven Lernens gar nichts zu tun hat. HECKHAUSEN will
die Abbildung der Pluralität der Gesellschaft in einer Schule, um
"soziales Lernen" und "sozialen Wandel" zu initiieren. Dazu bedarf es
großer, auch heterogener Klassenverbände, die aber nicht mit der im
gleichen Atemzug geforderten Aufteilung nach differenzierten
Lerngruppen, zwecks intellektueller Förderung, nicht zusammenpassen. Man
kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier künstlich theoretische
Versatzstücke zusammengefügt wurden, um bereits feststehende Reformziele
zu legitimieren. Logische Widersprüche werden dabei zwecks mehrfacher
Zielverfolgung in Kauf genommen. Der bedeutsame Gesichtspunkt der
"unmittelbaren Motivierung" durch die Sache, der dann als Schlagwort von
"intrinsischen Motivation" ohne Außendruck Furore machte, wird schlicht
durch die Hinweise auf eine "optimale Dosierung des
Schwierigkeitsgrades" und die "Anknüpfung an bereits ausgeprägte
Interessen" erklärt. Nichts Neues also, seit Jahrzehnten versucht und
doch aus bestimmten Gründen schwer zu bewerkstelligen.
Moderne Forschungen, die humanbiologische und gehirnphysiologische
Erkenntnisse in lerntheoretische Überlegungen einfließen lassen,
entlarven HECKHAUSENs Begründungsversuch als ein postulatives Paket ohne
stichhaltige Begründung und setzen ältere pädagogische Erfahrungen
wieder in ihr Recht.
Dazu einige stichwortartige Bemerkungen. Stichwort "angst- und
zwangfreies Lernen": Im Gegensatz zur reinen Milieuhypothese hat uns die
biologische Anthropologie nachgewiesen, dass unsere Emotionen
stammesgeschichtlich determiniert sind. Sie treten in allen Kulturen auf
und besitzen eine überlebenswichtige Funktion. So auch "Angst" und
"Aggression". So besitzt "Angst" die Funktion eines
Gefahrenschutzinstinkts mit keinesfalls nur lähmender Wirkung, sondern
dem Merkmal einer "erregenden Anspannung" im Sinne der Schärfung der
Sinne. Dieses physiologische Reaktionsmuster tritt in allen Begegnungen
mit Neuem und Unbekanntem auf, also auch im Unterricht, und hilft, das
Neue besser taxieren zu können. Dieses Gefühl wird keinesfalls als
lustvoll und entspannend empfunden, ist aber dennoch nicht eliminierbar,
sondern natürlich und zweckmäßig. Wird nun die Vorstellung eines immer
möglichen spielerisch, leichten Lernens zur Maxime erhoben, kann die
Wirklichkeit nur Erfahrungen des Scheiterns liefern. So können wir heute
beobachten, daß in scheinbar repressionsfreien Räumen, Angst- und
Fluchtsymptome schon bei geringsten Anforderungen auftreten, dort, wo
man sie früher noch nicht vermutet hatte. Diese Suggestion der
"Angstfreiheit" bringt Ängste nicht zum Verschwinden, sondern macht sie
allenfalls noch diffuser.
Stichwort "Intrinsische Motivation": Natürlich ist es richtig,
Gegenstände zu behandeln, die zu den frühen Umweltinhalten des Kindes
gehören. "Vom Nahen ausgehen", das wusste schon PESTALOZZI. Aber: Da aus
Gründen der Gehirnentwicklung früh gelernt werden muss, in dieser Phase
aber Interessen und Motive noch nicht ausgebildet sind, kann man auch
nicht unmittelbar an sie anknüpfen. Wir lernen ja auch für ein späteres
Leben, dessen Anforderungen für ein Kind abstrakt bleiben. So beim
Schrifterwerb oder beim Umgang mit Zahlen. Deren Nützlichkeit im
späteren praktischen Tun kann von Kindern zum Zeitpunkt des Lernens noch
gar nicht erfasst werden. Die Vorstellung einer unmittelbaren
Interessenanknüpfung ist deshalb utopisch. In der traditionellen
Pädagogik erfolgte deshalb an dieser Stelle der nüchterne und richtige
Hinweis, dass neue Richtungen der Aufmerksamkeit immer wieder "schonend
wachgerufen werden müssen"; natürlich nicht im Sinne einer zuchtartigen
Disziplinierung, aber auch nicht auf spielerische Lernwunder vertrauend.
Stichwort "Lernen durch Wiederholen und Üben": Eine "modische
Vernachlässigung" dieses "elementaren didaktischen Prinzips" wirft
BOLLNOW noch in den siebziger Jahren den Verkündern spielerischer
Lernformen vor. Die verachtete Stellung von Üben und Wiederholen
erwächst aus seiner Sicht einer unreflektierten Angst, sich vom
"Gedächtnisdrill" der alten Lernschule nicht recht distanzieren zu
können. Es ist bemerkenswert, dass ein Ideengeber für das Prinzip des
"eigenen, schöpferischen Tuns", wie KERSCHENSTEINER nur mit diesem
Gedanken zitiert wird, während sein Zusatz, dass dieses Schlagwort ein
unerhörtes Unheil anrichten kann, wenn er nicht mit dem Gesichtspunkt
der disziplinierenden Kraft des Übens verbunden wird, meist völlig
unerwähnt bleibt.
BOLLNOW zielt schon auf eine anthropologische Wesensbestimmung der Übung
und Wiederholung, wenn er sagt, dass der Mensch so wie er lernt immer
auch übt: Erst die Berücksichtigung dieser monotonen Anteile des Lernens
eröffnet die Möglichkeit zu vollkommenem Können und zur "Freude"
darüber. Wenn ständig nur ein Reizfeld von Neuem aufgebaut wird, ohne
Phase eingehender Vertiefung, dann, so BOLLNOW, "sitzen die elementaren
Grundlagen nicht und die anfängliche kindliche Produktivität zerflattert
in einem "undisziplinierten Dilettantismus". Ich überlasse es Ihnen,
diese Prognose als eine zutreffende Gegenwartsdiagnose zu
interpretieren.
Und, es wird Sie kaum mehr wundern, die jüngere Erforschung unserer
Hirnhemisphären, sowie experimentelle Forschungen über den Prozess von
Lernen, Erinnern, Vergessen bestätigen, dass vieles auch uns
Interessierendes, was wir erleben oder wahrnehmen, schnell verloren
geht, wenn es nicht gelingt, Informationen in ein aktives
Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis zu überführen. Wir wissen,
dass wir bei diesem Prozess verschiedene Speicher des assoziativen
Gedächtnisses aktivieren müssen, und dass dabei "Sinnmerkbilder" und
visuelle wie akustische Wiederholung eine herausragende Rolle spielen.
Auf nähere Einzelheiten kann ich hier jetzt nicht eingehen und verweise
auf meinen Aufsatz. Konsequenzen und
abschließende Bemerkungen:
Die zukünftigen Lösungen liegen in einer Rückbesinnung auf "alte",
traditionelle Einsichten. Denn die modernen Forschungsbilder bestätigen
im Grunde die Ideen und Grundsätze der "reifen"
Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die ja ausdrücklich eine Theorie
von der Praxis für die Praxis sein wollte und immer einräumte, daß die
Praxis der Theorie auch widersprechen kann. Strategien des Wandels, die
nicht von einer relativen Autonomie der Praxis ausgehen und vorschreiben
wollen, was eingesehen werden soll, müssen scheitern. Damit wollten und
wollen sich die idealistischen Reformer der sechziger Jahre nicht
abfinden, weshalb man alte Einsichten so "alt" und "unmodern" aussehen
ließ, wie sie es nicht waren. Der Umstand, dass sich nun viele dieser
idealistischen Annahmen als wissenschaftlich nicht haltbar erwiesen
haben, setzt Ansichten über eine Mehrgliedrigkeit des Schulsystems und
die dazugehörigen Ideen über Begabungs- und Neigungsstrukturen, wie über
geeignete Lehr- und Lernformen, wie über eine optimale Form der
Lehrerausbildung, wieder in ihr Recht.
Im übrigen zeigt ein Blick auf die Ideen- und Theoriegeschichte der
Pädagogik, wie immer wieder bereits proklamierte und ausprobierte
Grundsätze vergessen, wiederentdeckt und wieder vergessen wurden. Man
kann auch sagen: Die Gnade des (generativen) Wechsels sichert den
scheinbaren Fortschritt (z.B. heute: "Zeittakt" u. "Offener
Unterricht"). Das gelingt auch deshalb, weil die Rezeptionsgeschichte
des Faches Erfahrungen des Scheiterns weitgehend unterschlägt. Wie sagte
schon WHITHEAD etwas zynisch: Ein Fach, das seine Begründer nicht
vergisst, ist verloren.
Wir sollten einer Pädagogik gegenüber skeptisch sein, die ständig an
Vernunft, Wissenschaftlichkeit und Fortschritt appelliert. Denn ein
normativer Appell an Vernunft sichert noch nichts Vernünftiges, und ein
Wille zum Fortschritt stellt nicht schon Fortschrittliches her. Ich habe
ja zu zeigen versucht, dass eine so verfahrende Theorie sich insofern
nicht rational verhält, als sie ihre idealen Annahmen gegen
einschneidende Veränderungen in den Forschungsbildern wie gegen
"widerspenstige Erfahrungen der Praxis" immunisiert.
Es ist deshalb befremdlich, dass trotz dieser massiven Störungen noch
der Versuch unternommen wird, zur beschleunigten Fahrt auf einer als
Irrweg erkennbaren Wegstrecke aufzurufen. Es brennt also, und natürlich
hat KAFKA recht, dass man beim Brennen des Hauses seine Fundamente
besser erkennt als bei seinem Bau.
Im übrigen bestätigen amerikanische Forschungen diese Sicht: Die
amerikanischen Bildungshistoriker TACK/TOBIN (1994) gaben auf die Frage,
warum es so schwer ist, die Schule zu reformieren, die Antwort, dass
ständig zu einfache, falsche, überzogene und ideale Konzepte verwendet
wurden, die gegenüber der institutionellen Verfasstheit und der
praktischen Aufgabe von Schule keine wirksamen Strategien dargestellt
hätten. Ausgemacht werden nur schwache Transfereffekte auf die
tatsächliche Schulkultur. Und das führt uns noch zu einem anderen Bild:
Ist tatsächlich Schule ständig reformiert worden oder nur immer
nachhaltig verunsichert? Überwiegt nicht immer noch auf allen Stufen der
Frontalunterricht und die Lehrplanschule, die doch seit über zweihundert
Jahren ständig abgeschafft wird?
Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass zur Kennzeichnung der Volksschule
(Elementarschule) seit Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder, bei allen
Reformwenden - von den PHILANTROPEN über HUMBOLDT, PESTALOZZI, HERBART,
der REFORMPÄDAGOGIK bis heute - das Etikett einer "Lern- und Paukschule"
herangezogen wird. Und zwar mit den Merkmalen des "Frontalunterrichts"
und der Bearbeitung "toten Gedächtniswerkes".
Das führt zu der interessanten Frage, ob Schule nur deshalb noch mehr
recht als schlecht funktioniert, weil sie Reformwenden über einen
"heimlichen Plan" immer wieder zurecht gerückt hat. Sie hat dann, wenn
auch zunehmend irritiert, sich immer wieder der Tatsache anpassen
müssen, dass der lernende und lehrende Mensch in seiner natürlichen
Verfasstheit sich als nicht so dynamisierbar und fortschrittsfähig
erweist, wie es eine fortschrittswillige Theorie gerne hätte.
Die Haltung der Lehrer gegenüber dieser Kluft zwischen Theorie und
Praxis ist meist paradox: Befragt nach der Nützlichkeit des
theoretischen Ausbildungswissens ist das Feed-Back kritisch bis
vernichtend (TERHART u.a. 1994). Andererseits ist beobachtbar, dass
diese Lehrer auf Tagungen und Kongressen immer noch begeistert den
Thesen der "alten" 60er Reformer zujubeln, die ja ihre Ausbildung
geprägt haben, und wohl immer noch die Identität der Lehrer prägen. Beim
Bier später wird dann wieder beklagt, daß das ja leider in der Praxis
alles nicht geht. Mit einem solchen Widerspruch kann man auf Dauer aber
nur schwer leben und ich bin sicher, dass hier die Gründe für heute viel
besprochene "burn-out-Symptome" und Frühpensionierungsmentalitäten
liegen, obwohl die befragten Lehrer die Ursachen dafür meist an anderer
Stelle verorten.
Das bringt mich zu einem letzten Punkt, der mich an den Großinquisitor
von DOSTOJEWSKI erinnert (Gebrüder KARAMASOW) der sagte: Nichts ist
härter, weil trostvoller, als eine schöne Ideologie. Ich habe in diesem
Zusammenhang auch von einer religiösen Ersatzfunktion des
Erziehungs-Systems gesprochen und das betrifft nicht nur Pädagogen und
Lehrer, sondern die Gesellschaft. Offenkundige Differenzen zwischen Idee
und Wirklichkeit werden nicht nur von den Pädagogen gesinnungsethisch
bearbeitet, indem man jenseits von wahr und falsch mit den Kategorien
von "gut" und "böse" operiert. Man ergreift Partei für die vermeintlich
schönere, weil gute Vorstellung: Was heute unter "political correctness"
abgehandelt wird, sind gesinnungsethische Maßstabsformeln, die in der
Beurteilung nicht nur pädagogischer Ideen gesellschaftlich oft wirksamer
sind, als wissenschaftlich-theoretische „wahr/falsch“ Antworten.
In der wissenschaftstheoretischen Debatte wird heute weit über die
Disziplin Pädagogik hinaus das Phänomen diskutiert, dass die Geltung von
Theorien (Ideen) nicht mehr allein eine Frage der "Wahrheit" ist,
sondern der "gesellschaftlichen Akzeptanz", der ethischen
Kompatibilität. So beginnt die Gesellschaft - demokratisch - immer mehr
mitzubestimmen, was als Erkenntnis gelten soll und was nicht.
Das Ergebnis kann sein, dass sich alle Systeme selbst überfordern. Das
Erziehungssystem absorbiert alle Hoffnungen einer Gesellschaft auf
Verbesserung in allen Bereichen und scheitert ständig, weil es sich
damit restlos überfordert. So wackelt man ständig zwischen
Allmachtsphantasien und Ohnmachtgefühlen hin und her.
Ich erwähne dies deshalb, weil wir im Banne der Aufklärungsvision alle
für diese schönen Visionen anfällig sind. Wo man früher wie
selbstverständlich betete, macht man heute das Schul-, Bildungs-,
Wissenschafts- und andere Systeme verantwortlich. Es dominiert bis in
konservative Kreise hinein die Vorstellung, dass fast alles plan- und
machbar ist. Meine vorrichtigeren Kollegen wissen, dass es lohnend sein
kann, diese Vorstellung zu bedienen. Demut und Bescheidenheit, und dazu
gehört der Gedanke der Nichtmachbarkeit, haben keine große Konjunktur,
obwohl in der philosophischen Diskussion um das "Ende der Aufklärung",
relativ unbeachtet, solche Konsequenzen gezogen werden.
Vor der "schwarzen Wand der Zukunft" (LUBBE) graust es allen ein wenig.
Mit Unsicherheiten möchte keiner mehr leben. Und die geforderten
Lösungen werden bei den Systemen Schule, Bildung, Wissenschaft und nicht
zuletzt dem der Politik eingefordert. Und da beginnt für die Politik das
gleiche Problem mit dem, wie geschildert, auch die Pädagogik zu tun hat.
Folgt man seinen Überzeugungen (Wahrheiten), oder folgt man dem, was man
für weit verbreitete Überzeugungen hält? Das kann natürlich
kurzfristigen Erfolg sichern.
Das Problem der Akzeptanz auch solcher Einsichten, wie ich sie hier
vorgetragen habe, liegt also in der retardierenden Kraft eines, ja,
naiven Reformgeistes: Der Zeitgeist will nicht zurück in die Flasche!
Der Arbeitskreis Gesamtschule e.V. dankt Herrn Professor Dr. Neumann
dafür, dass er freundlicherweise das Manuskript seines Vortrages der
Redaktion zur Verfügung gestellt hat. |